Leseprobe
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ॐ
Am Anfang war die Lüge. Mit der ersten Täuschung begann das Verderben. Der Keim im Geist entspringt den Schatten der Archonten und wächst, bis das letzte Feuer erlischt.
ॐ
Das Zirpen schwoll an. Vögel flatterten ziellos. Kinder schrien vor Staunen. Die Schamaninnen hoben die Köpfe. Licht gleißte am Himmel. Schleier, Bögen und Bänder.
Der Falke kreiste über Seen und Flüssen. Sein Blick schweifte über das ›Auge der Erde‹. Je drei Ringe aus Wasser und Land, verbunden durch Brücken. Im Zentrum bildeten sieben Säulen einen Kreis. Auf dem Kanal liefen Schilfboote ein und aus.
Schamaninnen legten Früchte und Beeren auf den Opferstein. An den Säulen knieten Heilerinnen und Druiden.
Auf der anderen Seite des Wasserrings versammelten sich die Sippen. Mütter mit ihren Kindern. Jäger und Sammler.
Die Sonne versank hinter den Hügeln. Das Summen der Insekten verdichtete sich zum Brummen. Lichtfontänen schossen vom Himmel.
Die Älteste kannte die Tafeln der Urahnen, die Bahnen der Schweifsterne und die Zeichen, die ihnen vorausgingen.
»Der Wolf ist erwacht«, sagte sie.
Die Kinder verstummten. Die Schamaninnen fassten sich an den Händen. Der Falke schrie in die Stille.
Sechs Schiffe stießen in den Wasserring. Sie bezogen Position, in gleichem Abstand um das Zentrum. Auf jedem Bug blies ein Mann im Wolfspelz das Widderhorn. Dreimal, eine Pause, zwei Töne. Krieger sprangen an Land. Sie bildeten eine Kette vor den Jägern. Die Speerspitzen zeigten auf Frauen und Kinder.
Ein Boot legte am Ufer des Heiligtums an. Krieger schwärmten aus, besetzten den Säulenkreis. Sie fesselten den Schamaninnen und den Druiden die Hände auf dem Rücken. Die Älteste blieb frei im Zentrum sitzen.
Die Männer im Wolfspelz bildeten zwei Reihen. Hinter der Reling tauchte der Schädel eines Schakals auf. Aufrechte Ohren, spitze Schnauze. Ur stieg von Bord, gehüllt in graues Fell mit schwarzen Zacken. Die Hände steckten in den Pratzen eines Säbelzahntigers, die Füße in Bärenfell. Ein Fuchs hing als Umhang um die Schultern. Seine Gestalt warf einen Schatten über das Heiligtum.
»Wer bist du?«, fragte die Älteste.
»Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin da in allen Zeiten. Ich bin Ur.«
Krieger schichteten Reisig um die steinerne Urmutter. Flammen schossen hoch, schlossen das Abbild im Kreis ein.
»Der Himmelsvater verachtet Figuren aus Stein«, sagte Ur.
»Das Symbol der Liebe und des Lebens«, erwiderte die Älteste. »Nichts, wovor du erzittern müsstest.«
Ur trat an den Opferstein, fegte die Früchte beiseite und stieg hinauf. Sein Blick fiel auf die Älteste. »Sechs ist die Zahl der Bestie. Sechs ist die Zahl allen Übels. Sechs ist die Zahl dämonischer Sterndeuter.«
Das Kribbeln im Magen der Ältesten wuchs. »Deine Worte sind Wind aus Eis. Dein Atem giert nach Blut und betrügt Menschen und Tiere. Kein Wissender erzittert vor dir!«
»Der Himmelsvater hat mir die Macht übertragen, die Pforte des Himmels zu öffnen. ER verlieh mir die Gewalt über alle Dämonen in der Luft, auf und unter der Erde. Es ist Zeit, IHM ein Opfer darzubringen. Man bringe mir ein lebendiges Tier.«
Ur stieg herab. Zwei Krieger legten ein Lamm auf den Stein. Sechs Priester verließen das Schiff, gehüllt in schwarzweiße Felle. Sie formierten einen Kreis um den Opferstein. Ein Diener kroch heran, kniete nieder und reichte Ur das Beil.
Die Priester tauschten die Plätze. Sie streuten Zunder aus. Ein Stern aus zwei Dreiecken entstand. Ur schnitt dem Lamm die Kehle auf. Blut floss über den Stein. Die Priester entzündeten das Pulver mit den Fackeln.
Das Hexagramm brannte. Die Priester besetzten die Ecken.
Der Erste hob die Arme. »Engel des Feuers, vernichte die Stätten falscher Götter mit dem Weltenbrand.«
Der Zweite überkreuzte zwei Speere. »Engel des Sieges, führe die geheiligten Krieger in den Kampf.«
Vier weitere Priester beschworen ihre Engel, jeder Ruf gieriger als der vorige.
Ur ging auf die Älteste zu und hob das Beil. »Über den sechs Engeln thront der lebendige Himmelsgott. ER allein schreibt die Gesetze des Alls. Unterwerft euch dem Himmelsvater oder sterbt.«
Die Älteste zwang sich zu einem Lächeln. »Ein Kreislauf naht dem Ende. Ein neues Weltenalter beginnt. Eure Götter stürzen die Welt ins Unheil. Kali Yuga!«
»Schont ihr Leben, vergießt kein Blut!« Ur hob das Kinn. »Verbrennt sie bei lebendigem Leibe.«
Die Priester schichteten Holz und Reisig an den Säulen auf. Die Krieger warfen die Schamaninnen und Druiden in die Flammen des Scheiterhaufens.
»Was ist mit den übrigen Gefangenen?«, fragte ein Krieger.
»Die Herde soll zusehen, wie ihr Heiligtum brennt«, befahl Ur. »Dann schafft sie ins Lager. Macht die Hörigen zu Dienern und die Starken zu Kämpfern!«
ॐ
Grüne und violette Lichtfontänen schossen vom Himmel. Sternschnuppen fielen. Der Falke zog seine Kreise. Unten brannte das Heiligtum. Da entdeckte er den Vorsprung der Klippe. Sein Weibchen versorgte die Jungen. Er landete neben ihr.
In den Wäldern Urgermaniens. Im Schatten der Dolmen, unter Birken auf dem Hügelkamm, erzählte die Schamanin von der Urgeschichte. Goldsonn und Silbermond, ihre Enkel, hingen an ihren Lippen.
Großvater las aus Lederrollen in der Ursprache. Als Druide lehrte er die Zwillinge die Heilung mit Kräutern und weihte sie in den ewigen Kreislauf ein. Hoch am Kamm des Gebirges stand die Kreisanlage aus hölzernen Pfosten. Zwischen ihnen verfolgte er die Bahnen von Sonne, Mond und Sternen. Ein Stück entfernt, im Schatten einer alten Eiche, thronte ein dreieckiger Felsblock auf drei Steinsäulen. Ein Dolmen, ausgerichtet auf die Wintersonnenwende.
An den Bächen, die ein Wasserfall speiste, rasteten Wanderer und Boten entlegener Stämme in Lederzelten. Der Bernsteinpfad verband die Steppe im Norden mit dem fruchtbaren Halbmond zwischen den Strömen.
Goldsonn und Silbermond liebten die Geschichten am Feuer. Die Fremden erzählten von Reitern auf Mammuts und der Pracht ferner Pyramiden. Auch von Steinkreisen aus T-Säulen, verziert mit Tieren und Sternbildern.
Zwölf Jahre alt. Zwei Körper, eine Seele. Die Zwillinge überragten die anderen Kinder. Ohne ihre Eltern je gekannt zu haben, wuchsen sie zwischen Wäldern und Bergen auf.
Goldsonn, der Erstgeborene. Weiche Züge, blondes Haar, blaue Augen. Die Sippe suchte seine Nähe. Er stand den Großeltern zur Seite, schichtete das Holz für die Sonnen- und Mondfeste auf. Goldsonn nahm seine Aufgaben ernster als sein Bruder. Er sah sich als Erbe der Ahnen, deren Kräfte schwanden.
Silbermond streifte durch das Unterholz. Eine haselnussbraune Mähne fiel ihm wild in die Stirn. Seine Augen spiegelten das Licht, wechselten zwischen Moos und Kastanie. Ein Mal zierte die Haut unter seiner Nase. Seine Heimat war der Wald. Er pfiff mit den Vögeln und folgte den Fährten von Bären und Höhlenlöwen.
Die Ursprache und die Sterne einten die Zwillinge. Nachts schlichen sie zu den Dolmen und blickten in den Himmel. Sie spielten Flöte, trommelten und sangen am Feuer.
Freude spiegelte sich in den Augen der Großeltern. Die Brüder übten sich im Redekampf, entzifferten die Zeichen der Urahnen. Sie suchten Antworten, gierten nach Wissen.
Speer und Steinschleuder sicherten das Überleben. Doch Goldsonn und Silbermond jagten nicht nur. Sie trieben die Ziele weiter hinaus, schossen gegen den Wind, warfen mit der schwächeren Hand. Jeder Treffer des einen spornte den anderen an. Im Zweikampf schenkten sie sich nichts.
An diesem Tag spürten sie einer Fährte im Wald nach. Ein Höhlenlöwe brach aus dem Dickicht. Silbermond lenkte die Bestie mit Rufen ab und sprang im letzten Moment auf einen Felsblock. Goldsonn rammte die Speerspitze von unten in den Bauch des Raubtiers.
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Jäger brüllten. Unruhe herrschte am Lagerfeuer. Frauen drängten die Kinder in die Zelte. Die Schamanin deutete auf die fremden Wanderer.
»Bestien«, rief ein Mann. »Halb Mensch, halb Wolf. Sie fallen über die Orte her, treiben die Sippen zusammen und fesseln sie kopfüber an Holzkreuze. Unter Trommelschlägen schlitzen sie Schamaninnen und Druiden die Kehle auf, trinken das Blut. Sie verschonen niemanden. Nicht die Ältesten, nicht die Jüngsten. Mit Steinen brechen sie den Brustkorb auf und reißen das Herz heraus. Roh fressen sie es. Die Überlebenden lassen sie an den umgedrehten Kreuzen hängen.«
»Wo hast du sie gesehen? Wie viele?«, fragte die Schamanin.
»Tausende. Dutzende Horden«, sagte der Mann. »Jenseits der Alpen plündern sie die Täler. Bislang schützt uns das Gebirge.«
Ein zweiter Wanderer trat näher ans Feuer. »Hört mich an. Ein Erlöser befreit die Stämme. Er gibt den Ahnen die Würde zurück. Sein Erscheinen vertreibt die Bestien. Er ist der Bote des Stammvaters der Götter!«
Feuer und Flut. Die Schamanin plagten Traumgesichte. Todesschreie. Menschen ertranken, andere verbrannten. Rauch und Schwefel umhüllten die Erde.
Der Druide las die Sorge in ihrem Gesicht. »Die Knaben müssen erfahren, was wir über den Untergang der Urahnen wissen.«
Die Schamanin sah zu den Sternen. »Ihnen fehlt die Erkenntnis. Sind sie nicht zu jung für die Geheimnisse?«
»Die Bedrohung lässt uns keine Wahl«, sagte der Druide. »Wir schicken sie zu den Drei-Ahnen-Pyramiden. Gemeinsam sind sie bereit.«
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Die Zwillinge brachen am nächsten Morgen auf. Weit um Dolmen und Kreisanlage verstreut, lebten die Siedler in Hütten. Goldsonn und Silbermond passierten eine Lichtung am Fluss. Der Gestank von Fellen hing in der Luft. Gerber schabten Lederrollen für die Zeichen der Druiden.
Ein Pfad wand sich durch den Birkenwald. Es duftete nach Bärlauch. Dazu gesellte sich vielstimmiges Hämmern. Am Steinbruch spalteten Jäger Klingen aus Hornstein.
Silbermond kannte jeden Baum. Es roch nach Holzspänen. Auf einer Lichtung schnitzten Frauen Lochstäbe aus Mammutelfenbein. Männer flochten damit Seile aus Leinen. Goldsonn nickte ihnen zu.
Lochsteine wiesen den Weg. Die Zwillinge durchquerten die Schlucht zum nächsten Tal. Siedler bauten Salz im Bergstollen ab.
Goldsonn und Silbermond streiften durch Birken- und Buchenwälder. Zum ersten Mal wanderten sie allein durch fremdes Land. Sie stießen auf singende Nomaden.
Die Jäger sprachen unvertraute Worte. Haut und Augen waren dunkel. Silbermond musterte die von Sonne und Kälte gezeichneten Gesichter. Er sah starre Pupillen, aber gütige Gesten. Die Waffen waren grob, die Felle rochen nach Verwesung. Goldsonn begegnete ihnen offen, fasziniert von ihrem Frieden. Sie glichen den Wanderern der Heimat.
Am Rand des Pfades lebte ein Einsiedler. Goldsonn brachte die Jäger zu ihm. Der Greis zeigte ihnen das Glühen. Das Erhitzen im Feuer machte den Hornstein fügsam. Die Schneiden zertrennten Fleisch und Sehnen, ohne abzustumpfen oder auszubrechen.
Sonne brach durch den Nebel. Dunst stieg vom Bach auf. Die Zwillinge schritten durch das Tal. Am Horizont stießen die Drei-Ahnen-Pyramiden in die Wolken. Sie bildeten ein Dreieck, das die Maße der Erde festhielt.
Goldsonns Armhaare stellten sich auf. »Erbe der Urahnen.«
Die vordere Ahnen-Pyramide raubte Silbermond den Atem. »Eis auf der Haut.«
Der Kegel beherrschte das Tal. Seine Kontur ließ die zerklüfteten Kalkfelsen der Alb dahinter verblassen. Links davon stach ein Trapez in den Himmel. Die dritte Ahnen-Pyramide kauerte wie eine Riesenechse im Gras.
Silbermond stand am Fuß des Kegels. Vor ihm ragte ein rechtwinkliger Stein auf, einen Kopf größer als er selbst. »Die Urmütter haben die Berge nach dem Maß des Lebens geformt und Stufen in den Fels getrieben. Wie haben sie dieses Heiligtum nur erbaut?«
Goldsonn zuckte mit den Schultern. Die Kanten waren glatt. Kein Haar passte in den Spalt zum nächsten Stein.
Riesen und Götter, erzählten die Mythen, türmten Mauern mit der Macht von Dämonen. Silbermond hielt die Sagen für das Geschwätz Betrunkener. Er war ein Träumer, der nur dem vertraute, was er greifen konnte.
»Unsere Großeltern hüten das Geheimnis hinter verschlossenen Lippen«, sagte Goldsonn. »Wir wurden nicht ohne Grund hierher geschickt.«
»Sie sprachen von einer Zeit, in der Menschen den Geist über den Körper erhoben und ins Innere reisten«, sagte Silbermond.
»Stück für Stück enthüllen sie uns das Vermächtnis der Urzeit«, sagte Goldsonn. »Wir sollen die Gesetze des Alls aus uns selbst heraus begreifen.«
Licht brach durch die Wolken und traf das Gestein. Ein Netz aus Rissen überzog die Stufen. Brandspuren schwärzten das Mauerwerk. Tod lag über den Ruinen, als wäre alles Leben in einem Augenblick verbrannt.
Goldsonn und Silbermond erklommen das Plateau des Kegels. Ein Steinpfeiler ragte in den Himmel. Ein senkrecht in die Erde gerammtes Viereck. Die Kanten verjüngten sich zum Boden hin.
Silbermond entdeckte Rundstufen. Sie führten steil abwärts. Nach wenigen Schritten öffnete sich der Rachen einer Grotte. Hitze und Kälte wechselten. Eine Kraft ließ sie erstarren. Sie näherten sich. In der Stille hörte jeder das Herz des Bruders pochen.
Ein Schlag, Funken flogen. Der Zunder glomm auf. Goldsonn blies das Nest, bis die Flamme auf das Holz übersprang. Sie betraten die Grotte. Ein Bogen wölbte sich über die Wand. Bilder ragten aus dem Fels. Die Zwillinge blinzelten sich zu. Goldsonn hielt die Fackel. Silbermond entzifferte die Zeichen. Die Sichel des Mondes, Gestirne und fünf Wandelsterne. Oben im Scheitelpunkt ein gezackter Kreis mit einem Schweif. Darunter bleckte ein Wolf das Gebiss. Ein Riese setzte die Welt in Brand. Linien formten Wellen, aus denen eine neue Erde emporstieg.
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Zurück in der Heimat. Das Feuer knisterte. Silbermond und Goldsonn erzählten von den Zeichen.
Großmutter wärmte die Hände über der Glut. »Der rasende Schweifstern bricht den Bogen des Himmels. Die Gestirne stürzen, die Welt verbrennt und versinkt. Aus der Asche gebiert die Erde neues Leben. Das Ende ist der Anfang.«
»Die Ursache des Ursprungs«, flüsterte Großvater. »Das große Himmelsrad dreht sich im Kreis. Die Bahnen der Himmelskörper zeichnen das Gesetz vor. Jeder Untergang spannt den Bogen zur Wiederkehr. Der Weltenbrand kehrt im ewigen Rhythmus wieder.«
»Ist das der Tod aller Menschen?«, fragte Goldsonn.
»Geist stirbt nicht«, erwiderte Großmutter.
Goldsonn schwieg. Silbermond sah ihn an. Er deutete auf die Kreisanlage und den Dolmen. »Was geschieht mit dem Wissen der Ahnen?«
»Es ist in den drei Urpyramiden am Nil verankert«, sagten die Großeltern. »Unsere Urahnen haben die Maße der Erde und den Lauf der Sterne in Granit gehauen.«
Damals, in jungen Jahren, waren sie nach Gizeh gewandert. Bis tief in die Nacht schilderten sie die Erlebnisse im Inneren der Steine.
Goldsonn sah sich als Ältester der Druiden, ritzte in Gedanken das Abbild des Himmels in eine Schieferplatte und teilte die Arbeit unter den Stämmen auf.
Silbermond träumte davon, das Werk als Baumeister umzusetzen. Von der Spitze der Urpyramide aus überblickte er das Tal von Gizeh.
Schwarze Ränder unter blutunterlaufenen Augen. Wolfsschädel fletschten auf den Köpfen die Zähne. Die Krieger trugen Wolfsfelle und rieben die Gesichter mit Ruß ein.
Weißer Wolf, der Anführer, war in ein Fell mit silbrigen Streifen gehüllt. Er braute einen Trunk aus Kräutern und Pilzen. Das Gefolge trat an den Kochsack. Einer nach dem anderen ritzte sich ein Kreuz in den Arm. Blut tropfte in den Sud. Weißer Wolf goss die Mischung in einen Totenschädel. Jeder trank sechs Schluck. Dreimal kreiste der Knochenbecher.
Weißer Wolf reckte den Stab. Das Holz war krumm gewachsen, ein verdrehter Ast, der wie eine Klaue in den Himmel griff. Die Horde trat zusammen. Die Krieger knoteten Lederbeutel und Schleudern um die Hüften. In der Rechten hielten sie den Speer, in der Linken die Keule mit den Steinklingen.
Die Sonne stand im Zenit. Das Zeichen zum Aufbruch. Die Horde marschierte auf die erste der Drei-Ahnen-Pyramiden zu und erklomm die Stufen. Hunderte Stammesbrüder johlten auf dem Plateau. Siebzehn Horden zu siebenunddreißig Kriegern bildeten einen Kreis um den Steinpfeiler. Über dem Viereck stand ein Gerüst aus Stämmen, gefüllt mit Reisig und trockenem Gras.
Weißer Wolf nahm die Maske ab. Karges, graublondes Haar, weißer Bart, faule Zähne. Die Haut leichenblass, rote Adern in kristallblauen Augen. Narben zerfurchten das Gesicht. Er ging gebückt, gezeichnet von der Kälte des Nordens. Die Krieger knieten nieder und beteten ihn an wie einen Gott.
Weißer Wolf stieß die Fackel ins trockene Gras. Flammen umschlossen das Drachenviereck. Im Takt der Speerschläge hallte das Brüllen der Horde über das Plateau. Weißer Wolf warf den Kopf zurück und schrie zum Himmel. Der Stamm kreiste um das brennende Erbe. Steinäxte schlugen gegen die Steinsäule, bis diese bebte und unter Jubel vom Sockel stürzte.
Weißer Wolf drang in die Grotte vor. Im Schein der Fackel las er die Zeichen an der Wand. Sein Gesicht verzerrte sich.
»Lügen der Sterndeuter!«, herrschte er die Krieger an. »Zerstört diese Gebilde! Allein unser Himmelsgott hat die Ungläubigen gestraft. Sie waren vom Weg abgefallen.«
Krieger hämmerten mit Steinäxten auf das Gestein. Mehr als Kratzer bewirkten sie nicht. Die Schneiden wurden stumpf. Weißer Wolf befahl ein Feuer.
Tagelang schafften sie Holz herbei und fütterten die Flammen. Die Hitze staute sich in der Kammer.
Erneut schlugen sie auf die Schriftzeichen ein. Unter der Glut barst der Stein. Sie zertrümmerten die Zeichen.
Weißer Wolf durchkämmte die Drei-Ahnen-Pyramiden. Er ließ jede Spur der Erbauer auslöschen, bis ihre Symbolik aus der Welt getilgt war.
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Es roch nach frischem Harz. Großvater führte die Zwillinge auf eine Lichtung.
»Errichtet einen Kreis«, sagte er. »Richtet ihn nach dem Lauf der Sonne aus.«
Sie berechneten die Menge der Pfähle.
»Dreißig Pfosten«, sagte Silbermond.
»Wofür?«, fragte Goldsonn.
»Jeder steht für einen Tag im Monat. Wir teilen den Kreis in drei Wochen zu zehn Tagen. Drei Wurzelstämme markieren den Beginn jeder Woche. Nach zwölf Runden ist das Jahr um. Dreihundertsechzig Tage.«
»Ein Sonnenjahr hat aber genau dreihundertfünfundsechzig und ein Viertel Tage.«
»Dafür steht das Tor der Elemente im Zentrum. Wasser, Luft, Erde, Feuer und Holz. An diesen fünf Tagen feiern wir die Wintersonnenwende.«
»Was ist mit den Schalttagen?«
»Dafür stellen wir zwei Steinpfeiler außerhalb des Kreises auf.«
»Und der fehlende Vierteltag?«
»Ein Viereck aus vier Steinblöcken am Außenrand fängt diese Zeit ein. Die Schalttage gleichen den Mond mit der Sonne ab. Der Vierteltag ist eine andere Rechnung – die der Sonne allein.«
Goldsonn lauschte dem alten Wissen. »Wie haben die Ahnen den Himmel gelesen und in Stein übersetzt?«
Silbermonds Augen glänzten. »Ich werde selbst einmal Pyramiden erschaffen. Bauten, die dem Maß der Sterne und der Natur folgen.«
»Träumer! Für solche Anlagen braucht es eine Gemeinschaft. Wir müssen das Handwerk teilen und die Nahrung sichern. Die Kinder brauchen die Lehre der Ahnen. Ich werde das Oberhaupt unseres Stammes.«
»Ich baue dir eine Stufenpyramide, die alles übertrifft, was je war.«
Goldsonn und Silbermond lehnten Rücken an Rücken. Jeder sah die Zukunft vor sich. Gemeinsam schufen sie ein Vermächtnis.
Ein Vogelschwarm brach aus den Wipfeln auf. Schreie zerfetzten die Stille. Kampfgebrüll. Kinder weinten, Mütter schrien. Die Zwillinge rannten zum Kamm und warfen sich am Dolmen ins Gebüsch.
Männer stürmten die Siedlung. Schwarze Ränder unter blutunterlaufenen Augen. Wolfsschädel fletschten die Zähne. Sie brachen in den Palisadenkreis und knüppelten auf die Siedler ein. Im Zentrum hoben sie Gruben aus und rammten Kreuze in den Boden, die Querbalken nach unten. Die Wolfskrieger banden die Opfer kopfüber fest und rissen die Hälse mit den Steinklingen auf. Gierig tranken sie das Blut.
Ein Angreifer rannte auf die Zwillinge zu. Silbermond sprang auf und floh zur Eiche am Dolmen. Er hangelte sich an eine Astgabel und kletterte in die Höhe. Goldsonn folgte, griff nach oben. Es knirschte und das Geäst brach. Goldsonn prallte auf dem Rücken auf.
Der Krieger warf sich mit den Knien auf Goldsonns Brustkorb. Er schlug zu und presste die Kehle zu.
Silbermond klammerte sich an den Stamm. Die Knie zitterten. Schweiß brannte in den Augen. Furcht fraß sich in den Verstand.
Der Krieger drosch auf Goldsonn ein. Er riss ihn an den Haaren hoch, nur um ihn wieder in den Dreck zu stoßen. Goldsonn blieb liegen.
Silbermond hielt den Atem an. Die Finger krallten sich in die Rinde. Er suchte nach einem Ast, einer Waffe, doch der Körper gehorchte nicht.
Der Krieger zog einen Steinkeil aus dem Gürtel. »Ungläubige Brut!«
Er kniete auf Goldsonns Brust. Mit der Linken bog er den Kopf des Jungen zurück, die Rechte holte mit dem Keil aus.
Silbermond starrte nach unten. Die Welt verengte sich. Die Zeit zerrann wie Pech. Die Schreie verstummten, das Gehör setzte aus. Er sah nur noch das Gesicht des Bruders.
In diesem Moment schlug Goldsonn die Augen auf. Sein Blick traf den von Silbermond. Die Trennung ihrer Körper wich. Sie dachten denselben Gedanken, fühlten denselben Schmerz, waren eins.
Der Krieger sah nach oben und entdeckte Silbermond. Er presste Goldsonn die Kehle zu.
Ein heißes Beben riss Silbermond aus der Starre. Er stürzte sich in die Tiefe. Das Geäst fing den Sturz ab. Er federte die Wucht ab und schnellte mit den Knien voraus gegen den Kopf des Kriegers.
Silbermond prallte auf die Erde. Er rollte über den Arm ab, landete hart auf dem Rücken. Mit einem Zischen entwich die Luft aus den Lungen. Dunkelheit verschlang die Sinne.
»Nein.« Silbermond stemmte sich gegen die Schwärze. Er stützte die Hände in den Dreck und zwang den Oberkörper hoch. Goldsonn kauerte neben dem reglosen Krieger.
»Er ist tot«, flüsterte er.
Silbermond schwankte auf tauben Beinen. Er ließ sich auf den Bauch sinken, die Arme weit gespreizt, und schnappte nach Luft. Er horchte in sich hinein. Jeder Atemzug stach wie ein Keilschlag in die Rippen.
Die Welt kehrte zurück. Goldsonn beugte sich über ihn und streckte die Hand aus.
Dunst stieg vom Waldboden auf. Die Zwillinge warteten auf die Nacht.
Eine Trommel wummerte mit der Wucht von Mammuts. Siegesgebrüll. Weitere Trommeln peitschten den Rhythmus in die Höhe.
Die Zwillinge sprangen über Steine und Wurzeln. Sie verharrten im Schutz der Stämme und spähten in die Dunkelheit. Der Vollmond stieg über den Kamm. Das Licht schnitt durch das Geäst. Sie krochen in eine Nische am Steilhang und legten sich flach auf den Bauch. Ein Strauch schirmte die Felsspalte ab. Durch das Astwerk überblickten sie den Festplatz.
Die Blutsverwandten hingen kopfüber an Kreuzen. Die Horde hatte sie im Kreis um den Scheiterhaufen aufgestellt. Aus der Glut ragten vier Stangen. Auf den Spitzen steckten die Köpfe der Seherin und des Schamanen des Nachbarstamms.
Im Takt der Trommeln tanzten die Krieger um ihre Opfer. Weißer Wolf trat in die Mitte und hob den Stab. Die Männer erstarrten.
»Bändigt eure Blutgier! Könnt ihr nicht zählen? Es sind zwei zu wenig! Und ihr wagt es, zu feiern? Die drei Letztgeborenen jeder Horde vor!«
Vierundfünfzig Krieger rutschten auf Knien vor seine Füße.
»Schwärmt aus! Findet sie in der Siedlung und in den Wäldern. Wer mir ihre Herzen und Gehirne bringt, darf sie fressen. Kehrt nicht mit leeren Händen zurück!«
Goldsonn packte Silbermond. »Ohne Wasser verdursten wir. Ich gehe zum Bach.«
Unter ihnen ragte die Krone einer Buche auf. Direkt darunter lag die Hütte am Langhaus der Großeltern.
»Ich klettere durch die Wipfel zum Haus«, flüsterte Silbermond. »Ich hole Salzfische und die Waffen.«
»Ich besorge Wasser«, erwiderte Goldsonn. »Wir treffen uns hier.«
Silbermond schnürte ein Seil um einen Stein und verbarg es hinter dem Strauch am Grotteneingang.
Goldsonn kroch zum Waldhang. Im Schutz der Eichen und Linden sprang er über Wurzeln und Steine zur Hütte. Mit angehaltenem Atem spähte er durch das Fell am Eingang. Abseits des Mondlichts schlich er sich hinein. Er griff zwei Lederbeutel für das Wasser und eine Axt.
Silbermond kauerte am Abgrund. Sonst war der Abstieg in die Buche ein Spiel. Heute lähmte der Schmerz die Bewegung. Die Rippen brannten, der Körper streikte. Er kniff die Augen zusammen und kippte ins Leere. Die Finger krallten sich an einen Zweig. Das Geäst splitterte. Er stürzte tiefer. Die Füße schlugen hart auf den nächsten Ast. Die Wucht riss an den Gelenken. Die Welt wurde zu grauem Nebel. Er klammerte sich an den Stamm und presste die Stirn gegen die Rinde.
Goldsonn rannte zur Buche und blickte hinauf. Silbermond hing entkräftet im Geäst. Goldsonn ballte die Faust und schlich zum Bach.
Krieger zogen auf das Langhaus zu. Silbermond kletterte den Stamm hinab. Er hinkte durch den Hintereingang. Zuerst griff er die Waffen, dann die Salzfische. Er verstaute alles im Beutel und zurrte ihn auf den Rücken. Schleuder, Steinbeutel und Stichel steckte er an den Gurt. Er eilte zurück zum Baum. Ein kurzer Blick zur Seite, dann der Griff nach oben. Die Rippen brannten. Silbermond zog sich auf den Ast. Hinter Blättern und Zweigen verborgen, behielt er den Festplatz im Auge.
Krieger stürmten den Vordereingang und umstellten die Hütten. Vier Wachen sicherten das Langhaus der Großeltern. Der Rest schwärmte in Siebenergruppen aus.
Silbermond entdeckte den Bruder am Ufer.
Goldsonn füllte die Beutel. Er rammte die Pfropfen in das Leder und blickte über die Schulter. Ein Mann mit Wolfsschädel grinste ihn an. Goldsonn ließ das Wasser fallen. Er wirbelte herum, die Hände zur Abwehr erhoben.
Der Krieger packte ihn beim Schopf. »Dein Schädel für die Götter!«
Ein Faustschlag in den Magen raubte Goldsonn den Atem. Der Krieger fesselte ihn, warf ihn über die Schulter und schleppte ihn zum Festplatz. Dort banden sie ihn an den Pfahl auf dem Scheiterhaufen.
Weißer Wolf stand bei den umgedrehten Kreuzen, an denen die Großeltern hingen.
»Bringt sie zum Verhör ins Langhaus.«
Silbermond sah den Bruder am Pfahl. Kein Laut entkam ihm. Er kroch hinter das Langhaus. Die Wachen verließen die Plätze und traten vor dem Eingang zusammen. Silbermond kletterte den Stamm hinab und schlich hinter das Haus. Er zwängte sich zwischen der Schilfwand und dem Fels durch. Dann duckte er sich über die Grundmauer und spähte durch die Schlitze ins Innere.
Die Großeltern waren an Stützpfeiler gefesselt. Weißer Wolf baute sich vor ihnen auf. Da trat eine Gestalt durch den Hintereingang. Ein kleiner, beleibter Mann. Im Fackelschein sah Silbermond das Gesicht. Die Kälte in den Augen und die Herablassung in jeder Geste brannten sich in das Gedächtnis. Das war der Schattenmann.
»Gnädiger Himmelsmeister, welche Ehre!«, rief Weißer Wolf.
Der Himmelsmeister runzelte die Stirn. Ein Blick voller Hochmut und Gier. Er trat vor die Großeltern, hob die Arme und vollzog einen Segen. Weißer Wolf riss die Axt hoch und stürmte auf Großvater zu. Doch der Himmelsmeister packte ihn am Arm, raunte ihm etwas ins Ohr und verschwand durch die Hintertür.
Weißer Wolf entfachte ein Feuer. Er erhitzte die Speerspitze und hielt sie Großvater vor den Kehlkopf. Langsam bohrte er die Spitze in den Brustkorb.
»Wo sind die Schrifttafeln der Urahnen?«
Silbermond riss den Mund auf, wollte schreien, doch er biss sich die Lippen blutig.
Weißer Wolf trat Großvater in den Unterleib. Er drosch auf ihn ein, bis der Kopf nach vorn sackte.
Großmutter öffnete die Augen. Ihr Blick blieb fest.
»Ihr habt die Schriften verbrannt. Was haben wir euch getan?«
Weißer Wolf packte sie am Haar und riss ein Büschel aus. Er warf es zu Boden und presste die Hand auf ihren Mund.
»Das Erbe der Urahnen ruht in den Hallen unter dem Sternfels. Nur Seher und Schamaninnen kennen den Zugang. Zeige mir den Weg, und der Stamm ist frei!«
Großmutter erblasste. Weißer Wolf las die Antwort in ihren Zügen. Er packte Großvater an der Kehle. »Ich reiße ihm das Herz aus dem Leib.«
Die Schamanin fixierte ihn. Weißer Wolf sprang zur Seite und jaulte wie ein räudiger Hund. Er drosch auf Großvater ein. Die Schläge hörten nicht auf.
Silbermond erstarrte. Weißer Wolf presste den Faustkeil in das Fleisch der Großmutter. Die Schneide ritzte über Rippen und Brüste. Sie schwieg, das Gesicht zeigte keine Regung.
Stimmen vom Hintereingang. Krieger drangen in das Haus. Eine Gestalt folgte ihnen. Silbermond erkannte den Gang.
Der Himmelsmeister hob die Hand und deutete auf die Großeltern.
Weißer Wolf schleuderte den Keil in den Dreck. »Sie schweigen wie ein Hünengrab.«
»Du hast mich enttäuscht. Geh zur Horde.«
Weißer Wolf und die Wachen verließen das Haus.
Der Himmelsmeister packte Großvater beim Schopf und stieß ihm den Keil in beide Augen. Er griff zur Axt und hieb sie in den Hals. Blut spritzte. Er schnappte die Keule und schmetterte sie Großmutter in den Magen.
Er baute sich vor ihr auf.
Silbermond sah die Fratze des Mannes. Hochmut und Wahn.
Der Himmelsmeister hämmerte Großmutter die Keule auf die Stirn. Er holte erneut aus.
Silbermond presste die Hand auf den Mund. Tränen rollten über die Wangen. Er bebte, die Zähne klapperten.
Der Himmelsmeister spie auf die Großmutter. Er krallte die Finger um ihre Kehle und würgte sie. Im Blick brannte ein Feuer. Hass und Lüge.
Wieder sah Silbermond ihm direkt ins Gesicht.
Der Himmelsmeister verließ das Haus. Die Krieger folgten ihm ins Freie. Silbermond zählte die Schritte. Stille. Er zwängte sich durch den Spalt, stürmte hinein und umklammerte Großmutter. Sie schlug die Augen auf und deutete auf den Mund. Er rückte näher und legte das Ohr an ihre Lippen.
»Kleine Bärin, die Tante«, flüsterte sie. »Sie hütet die letzten Geheimnisse.«
Silbermond hielt ihre blutigen Wangen.
Großmutter rang nach Luft. »Kleine Bärin wartet an den Urstätten, wo das Land im Urmeer versinkt. Folge den Lochsteinen nach Westen.«
Silbermond wollte antworten, doch seine Kehle war wie zugeschnürt.
Ein Ruck fuhr durch Großmutter. Ihr Körper spannte sich kurz. Dann erlahmte er.
Silbermond verdrängte den Anblick ihres entstellten Gesichts. Die Wärme in ihren Augen erfüllte ihn.
»Lausche dem Flüstern in der Brust«, röchelte sie. »Suche nach Wahrheit und Liebe. Vergiss das nie. Wir warten, wo der Fluss im Nebel verschwindet. Unsere Seelen sind immer bei dir und deinem Bruder.«
Das Fleisch starb. Die Haut verlor die Spannung. Silbermond hielt Großmutter fest. Die Kälte kroch in die Glieder. In diesem Moment stieß eine Kraft aus ihrem Leib. Es war kein Herzschlag. Ein Strom floss von der Sterbenden in seine Brust und schlug dort Wurzeln. Er begriff: Der Körper wurde zu Erde, doch das Feuer sprang auf ihn über. Es erlosch nicht. Es brannte in seinem Geist weiter.
»Erleichtert!«, stieß sie hervor.
Silbermond verharrte auf den Knien vor den Großeltern. Er schob die Lider mit den Fingerkuppen nach unten, bis die Augen zur Ruhe kamen. In der Brust riss ein Abgrund auf, doch die Glut legte sich wie ein Fell über die Leere. Ihre Gegenwart blieb in seinem Atem.
Silbermond stemmte sich hoch. Er kroch heraus und fand Deckung im Gebüsch hinter der Buche. Er bog die Zweige auseinander. Der Blick suchte den Platz ab, bis er den Bruder entdeckte. Das Flammenmeer lähmte seine Glieder. Hunderte Krieger umringten die gefangenen Stammesmitglieder. Er musste Goldsonn am Pfahl zurücklassen, um die eigene Haut zu retten. Die Schande brannte heißer als das Feuer. Er zwang sich zur Flucht durch das Dickicht.
ॐ
Goldsonn hing in den Fesseln am Totempfahl. Blut rann über die Lippen. Das Wummern der Trommeln und das Stampfen der Krieger trieben ihn in den Wahnsinn. Rufe hallten über den Platz. Die Blicke der Horde richteten sich auf ihn in Erwartung des Opfers.
Weißer Wolf kehrte auf den Festplatz zurück. Er saß starr am Feuer. Männer zerrten die Leichen der Schamanin und des Druiden herbei und banden sie an die Holzsäulen.
Goldsonn wandte den Kopf. Die Gesichter der Großeltern bohrten sich in das Bewusstsein. Der Verstand setzte aus.
Weißer Wolf hob die Hände zu den Göttern. Vier Wächter hielten Fackeln über dem Holzstoß. Weißer Wolf trat vor Goldsonn und riss ihm das Fell vom Körper. Er goss Wasser über die Brust des Jungen. Die Krieger ließen sich auf die Knie sinken. Die Trommeln schwiegen.
»Aus Gnaden erwählt, zum Stamm des Allerhöchsten gezählt!«, rief Weißer Wolf.
»Sende den Segen, rufe die Götter!«, grölte die Menge.
Ein Junge brachte ein Brett. Darauf lag ein Messer aus Obsidian. Weißer Wolf griff das Opfermesser. Er zog die Fingerkuppe über die Klinge. Mit dem Blut zeichnete er einen fünfzackigen Stern auf Goldsonns Stirn.
Goldsonn sah Silbermond vor sich. Szenen aus der Kindheit schossen ihm durch den Kopf. Jede Erinnerung band ihn fester an den Bruder. Er sah, wie sie im Dreck kämpften und sich im Staub die Hände schüttelten. Er erinnerte sich an die Blicke zu den Sternen. Das Leben floss in Bildern vorbei. Er spürte die Verbundenheit. Ein Band, stärker als die Klinge aus Stein.
Das Murren der Krieger riss Goldsonn aus den Gedanken. Stille legte sich über den Platz. Ein Mann trat vor den Anführer. Die Wangen bildeten Falten, die Mundwinkel blieben angehoben. Der Blick starr, die Haut auf der Stirn glatt. Ein Fell vom Wollnashorn hüllte den Körper bis zu den Knöcheln ein. Auf dem Kopf trug er einen Kegelhut aus dem Pelz eines Polarfuchses.
»Legionen der Schatten, hört meinen Ruf!«, schrie der Mann über den Platz. »Zunge der Schlange. Bringer der Lügen. Hör auf, das Gift in die Herzen der Stämme zu gießen. Weiche, Weißer Wolf! Beuge dich vor dem Urvater im Licht. Geh in die Knie und verschwinde!«
Der Mann hob den Arm und zeigte nach Norden. Weißer Wolf und die Krieger wichen zurück. Keiner wagte es, den Kopf zu drehen. Sie verschwanden in der Finsternis.
Goldsonn zwang das Kinn nach oben. Die Nackenmuskeln zitterten, bis der Blick das Gesicht des Mannes erreichte. »Wer bist du?«
»Ich bin der Hohepriester«, sagte der Fremde. »Der Gesandte des Stammvaters.«
Der Klang der Worte löste die Knoten in seiner Brust.
Flötenspiel und Gesänge näherten sich. Vierzig Anhänger des Hohepriesters traten aus dem Schatten. Pelze von Polarfüchsen hüllten das Gefolge ein. Sie schritten mit verschränkten Händen auf den Platz. Frauen griffen nach den Seilen an den Kreuzen. Männer befreiten die Gefangenen und ließen sie zu Boden gleiten. Heiler wuschen das Blut aus den Wunden und gossen Wasser über die Glieder. Eine Frau und ein Kind regten sich nicht mehr. Die Lider blieben fest.
Der Hohepriester wies auf die Toten. Er hob die Arme zum Himmel.
»Urvater der Stämme. Danke für die Gnade. Das Gift ist gewichen. Wieder ist ein Volk erlöst.«
Der Hohepriester trat vor Goldsonn. Er betrachtete das Gesicht des Jungen.
In den Adern schmolz die Kälte. Blut floss wieder durch die Glieder. Das Licht des Feuers wärmte das vereiste Herz. Es war die Gegenwart eines Vaters.
»Warum haben sie nur dich und die beiden Alten auf dem Scheiterhaufen dargebracht?«, fragte der Hohepriester.
»Ich bin Goldsonn. Dies ist meine Erde. Das ist mein Blut. Die Großeltern hüteten das Wissen des Stammes. Warum haben diese Bestien sie ermordet?«
»Sie büßen für die Taten der Ahnen«, sagte der Hohepriester und berührte Goldsonns Schultern. »Sie hielten das Licht in der Nacht. Nun sind sie am anderen Ufer des Flusses. Sie ruhen beim Urvater.«
Die Worte nahmen die Last von der Brust. Goldsonn schaute in das Gesicht der Großmutter. Ein Beben jagte durch seine Glieder. Tränen stiegen ihm in die Augen.
»Welche Wesen tun das?«, stieß er hervor. »Wer bringt solche Qualen über Menschen?«
Der Hohepriester faltete die Hände. »Die Horde besteht aus Schatten. Als der Feuerball den Himmel zerriss, vertrieben Druiden und Schamaninnen den Urvater von den Steinen. Sie tauschten die Lehren der Väter gegen das Wissen der Sterne und stellten sich über das Licht. Die Rache trieb sie in die Finsternis. Die Horde verfolgt alle, in deren Adern das Blut der Sternendeuter fließt.«
»Wir beugen uns keinen Göttern«, sagte Goldsonn. »Wir ehren die Urmutter und die Urahnen. Sie schenkten uns den Verstand und die Wege der Sterne. Was sind das für Wesen, in deren Namen die Schatten morden und die Toten schänden?«
Die Lider des Hohepriesters verengten sich. Ein Feuer flackerte im Blick auf und erlosch. Er neigte das Kinn und zog die Mundwinkel nach oben. »Man hat dir das Schweigen aufgezwungen. Hat man dir nie das Licht gezeigt?«
»Ich kenne das, was die Ahnen mir gaben«, sagte Goldsonn. »Mutter Erde ernährt uns. Wir teilen die Beute. Wir folgen dem Gang der Jahreszeiten.«
»Die Horde trägt die Geister der Sterndeuter in sich«, sagte der Hohepriester. »Das Leben ist aus ihnen gewichen. Die Urahnen haben ihnen die Ehre geraubt. Die Rachsucht treibt sie an. Nur der Urvater hält die Schatten im Zaum. Und ich bin es, der den Weg zeigt.«
Kälte kroch den Rücken hinauf. Das Blut der Opfer klebte an den Händen der eigenen Ahnen. Diese Vorstellung schnürte Goldsonn die Kehle zu. Er blickte auf den Hohepriester. Dieser hatte die Horde vom Platz vertrieben. Goldsonn suchte Halt in seinem Blick, doch ein Teil von ihm blieb verschlossen.
»Wer sind die Mächte, die über dir stehen?«, fragte er.
»Die Geister der Väter leben in uns«, sagte der Hohepriester. »Über ihnen steht der Urvater der Stämme. Die Götter selbst schichteten die Steine an den Orten der Macht.«
Unter dem Blick des Hohepriesters schrumpfte Goldsonn zusammen. Er rückte näher an das Pelzgewand, bis er die Wärme spürte. »Und wer bist du?«
»Der Stammvater schickte mich als Retter. Ich jage die Schatten fort. Ich bringe den Menschen das Licht und den Weg.«
Goldsonn sah über den Platz. »Ich folge dir. Alles, was ich liebte, ist tot. Jeder Baum und jeder Fels zeigt nur noch die Bilder von dem, was einmal war.«
Der Hohepriester legte die Hand auf Goldsonns Haar. »Tritt ein in den Stamm der Väter. Nimm die Kraft des Urvaters in dich auf.«
Goldsonn schloss die Augen. Die Wärme der Hand auf dem Kopf brach den Widerstand. Er weinte, ohne zu wissen, warum.
Ein Späher kehrte zurück. Er berichtete von der Jagd der Horde und weiteren Toten in den Siedlungen. Der Hohepriester trat vor die Menge. Er reckte die Faust.
»Im Namen des Urvaters treiben wir die Legionen der Finsternis in den Abgrund!«
ॐ
Silbermond lief Tag und Nacht ohne Rast. Er stürzte auf den Waldboden und blieb auf dem Rücken liegen. Die Brust hob und senkte sich. Die Luft pfiff aus den Lungen.
Die Bilder brannten im Kopf. Er zuckte auf dem Moos. Das Ende der Großeltern glühte hinter den Lidern. Er hörte die Knochen brechen. Das Gesicht der Großmutter. Blut in den Falten der Haut. Der Himmelsmeister – die Axt erhoben. Die Klinge im Hals. Schreie hallten durch das Dickicht. Goldsonn am Pfahl.
Silbermond warf sich von einer Seite auf die andere. Er grub die Finger in die Erde. Ein Röhren riss ihn aus den Albträumen. Er fuhr hoch. Das Echo vibrierte noch in der Brust. Er wischte den Schweiß von der Stirn. Vor ihm scharrte ein Riesenhirsch. Die Enden des Geweihs reichten so weit wie die ausgebreiteten Arme eines Mannes. Das Tier hob den Nacken. Der Schädel ragte zwei Köpfe über Silbermond empor.
Silbermond floh in das Gebüsch. Er suchte Schutz im Geäst einer Eiche und drückte sich flach gegen den Stamm. Der Hirsch stieß Luft durch die Nüstern. Silbermond nestelte die Schleuder aus dem Gurt. Er legte an und fixierte den Punkt zwischen den Augen des Tieres. Er holte Schwung und ließ den Stein fliegen. Das Geschoss klatschte gegen das Ohr. Der Riesenhirsch zuckte zusammen. Er wirbelte auf den Hinterläufen herum. Dann trottete er in den Wald zurück.
Silbermond lief, bis die Sonne sank. Ein Druide öffnete das Fell am Langhaus und bot einen Platz am Feuer an. Silbermond sprach. Das Licht wich aus den Zügen des Alten. Die Stirn legte sich in Falten. Der Druide krallte die Finger in die Knie. Der Blick verharrte auf den Flammen.
»Ich sende Läufer zu den Stämmen«, sagte er. »Wir sammeln die Speere. Bleib am Feuer. Leg dich auf das Lager. Die Glut wird die Glieder wärmen, bis das Zittern weicht.«
Silbermond neigte den Kopf. »Morgen ziehe ich weiter. Der Weg führt ins Land der tausend Himmelssäulen.«
Der Druide breitete Gaben auf dem Boden aus. Er legte Felle und Schuhe für den Schnee bereit. Er gab Silbermond Haken und Ösen aus Knochen, dazu einen Trinkbeutel aus Tierblase. Schwefelkies und Keile aus Feuerstein kamen hinzu, um Funken zu schlagen. Zuletzt reichte er ihm Leder für den Kochplatz, ein Beil und eine Speerschleuder.
Silbermonds Augen brannten. Er sah die Wolfskrieger tanzen, wenn die Sonne glühte. Die gleichen Fratzen rissen ihn aus dem Schlaf, wenn das Licht wich. Er starrte ins Nichts. Die Schalen mit Wasser und Fleisch ließ er stehen. Ein Pochen setzte im Hinterkopf ein. Das Gesicht des Bruders erschien in der Dunkelheit. Silbermond hörte den Schlag von Goldsonns Herz. Die Lippen zuckten.
Das Zirpen der Grillen verstummte. Das Wummern und Trommeln der Horde drang ins Haus und ließ den Boden erzittern. Silbermond griff den Sack und warf ihn über die Schulter. Er schob Schleuder und Beil in den Gurt, hängte den Steinbeutel daran und stürmte ins Freie.
Silbermond rannte quer durch den Wald. Der Takt der Trommeln drang von jeder Seite auf ihn ein. Er sprang ins Dickicht. Dornen rissen die Haut an Armen und Beinen auf. Blut sickerte in die Erde. Der Boden vibrierte unter dem Tritt der Horde. Die Krieger stapften nur einen Steinwurf entfernt auf dem Pfad ins Tal. Silbermond grub sich mit dem Bauch voran ins Laub und schob Blätter über den Körper. Er presste die Lider zusammen und hielt den Atem an. Kinder kreischten. Frauen schrien. Das Gebrüll der Horde übertönte das Brechen von Knochen.
Silbermond kroch durch das Unterholz. Zweige knackten. Er verharrte hinter einem Strauch. Krieger schritten durch das Gehölz. Auf den Köpfen prangten die Schädel von Wölfen. Er krallte die Finger in den Boden.
Die Horde zog vorüber. Silbermond stieg zum Kamm des Berges auf und versteckte sich im Geäst einer Buche.
Er kletterte vom Baum und lief an die Stelle, an der eine Quelle aus dem Gestein brach. Silbermond kniete nieder. Er schöpfte das eisige Wasser mit den Händen, spülte den Dreck aus den Schnitten und trank.
ॐ
Weißer Wolf starrte auf die dreißig Totempfähle. Das Blut der Schamaninnen und Druiden färbte den Staub. Die Vernichtung der vier Stämme blähte die Brust. Der Plan griff wie eine Klaue. Ein Trupp umstellte die Hütten, ehe die zweite Gruppe aus dem Unterholz hervorstieß und eindrang.
Die Krieger schritten mit den Kopfschwarten der Toten zu den Gefangenen. Sie warfen die Skalpe vor die Füße der Druiden und Schamaninnen. Das Licht in den Augen der Opfer erlosch. Trommeln kündigten das Ritual an.
Die Horde plünderte die Vorräte der Siedler am Rande des Stammesgebiets. Achtzehn Jungkrieger durchkämmten das Revier auf der Suche nach Silbermond. Einer von ihnen stieß auf die Blutspuren. Er legte den Finger auf die Lippen, winkte die Gefährten herbei und folgte der Fährte.
Der Anführer hob die Hand. Ein Junge badete in der Quelle. Wasser perlte von dem krausen Haar. Die Jungkrieger sprangen aus dem Gebüsch. Wie ein rasendes Rudel fielen sie über ihn her und berauschten sich an seinem Blut.
ॐ
Weißer Wolf trat ins Langhaus des Druiden. Ein Bote von Ur, dem Eroberer des ›Auge der Erde‹, erwartete ihn in der Mitte des Raumes. Er klatschte langsam in die Hände. Weißer Wolf hielt inne und senkte den Blick.
»Die Götter danken dir«, sagte der Bote. »Doch es bleibt keine Zeit zur Rast. Wir müssen die Druiden und Schamaninnen auslöschen, bevor sie ein Heer bilden und gegen uns ziehen.«
»Ich stehe bereit für den Kampf am Sternfels«, sagte Weißer Wolf. »Wir nehmen die wichtigste Stätte der Urahnen ein.«
»Auf dem Weg ziehen wir am Sitz von Ur vorbei«, sagte der Bote. »Der Meister verlangt nach dir.«
Weißer Wolf zuckte. »Der, dessen Auge jeden Verräter findet?«
Der Bote schlug ihm die Hand auf die Schulter. »Hältst du Taten vor ihm verborgen?«
Weißer Wolf deutete auf eine Wache. »Zeige ihm die Beute!«
Der Jungkrieger hielt den Kopf des Knaben am Schopf in die Höhe.
Ende der Leseprobe