Leseprobe
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Goldene Tempeltürme im Morgenrot, dreimal krähte der Hahn. Zwei Büffel zogen Jenos Holzwagen entlang der Mauern der Tempelanlage Angkor Wat. Die hölzernen Speichen der Räder knarrten, die Vorderachse brach mit einem Krachen. Jeno brüllte die Tiere an. Er hielt inne, die Büffel starrten ihn verängstigt an. Scham überkam ihn, das Bewusstsein schmerzte.
»Das verteufelte Würfelspiel! Woher nehme ich mir das Recht auf Anschuldigungen? Für meine missliche Lage trage ich selbst die Verantwortung.«
Zwar war er das Opfer eines Betrugs. Dennoch, ohne seine Spielsucht hätte er Hab und Gut nicht verloren. Unmöglich, diese Schande seiner Familie zu beichten. Noch bevor er sich hatte erhängen können, hatte ihn die Palastwache aufgegriffen und zum Thronfolger geschleppt. Der Kronprinz hatte Jeno versprochen, all seine Schulden zu tilgen. Als Gegenleistung musste er einen Geheimauftrag erfüllen.
Wird er sein Gesicht wahren, falls er das Gelübde einlöst?
Jeno betrat die Brücke über den Wassergraben von Angkor Wat. Er stapfte die Stufen hinab auf eine gepflasterte Trasse. Zwölf Soldaten bildeten ein Spalier vor dem Haupttor der fünfstufigen Tempelpyramide. Säulengänge umrahmten einen quadratischen Platz, von dem eine Steiltreppe auf eine Abstufung führte. Darauf thronte der lotusförmige Hauptturm.
Jeno stieg die Steilstufen hinauf. Schwer atmend erreichte er die oberste Plattform. Im Schatten einer Säulengalerie schweifte sein Blick über das Umland. Sternförmig angelegte Straßen, Prachttempel und unzählige Wasserkanäle. Villen aus Teakholz, Pfahlhäuser und Bambushütten erstreckten sich bis an den Horizont. Eine Millionenstadt.
Jeno betrat den Tempel im Turm. Priester der Shivaisten meditierten im Dampf von Räucherstäbchen. Bei ihrem Anblick fröstelte es Jeno innerlich, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen. Nackte Zofen kühlten Jayavarman VIII. mit Fächern. Tänzerinnen vollführten geschmeidige Figuren im Takt der Pauken, begleitet von Harfen und einem Xylofon. Zwei Leibgarden mit bronzenen Kegelhüten auf den Köpfen geleiteten Jeno zum Thron des Gottkönigs.
Er warf sich nieder.
»Zeige mir das gute Stück, Schmied!«
Kniend zog Jeno das goldene Schwert aus der Scheide und überreichte es. Jayavarman VIII. begutachtete mit sichtbarem Stolz seine Initialen auf der Schneide. Er reckte das Schwert in die Höhe, drehte den Nacken zur Seite und verharrte in dieser Triumphpose. Nach einer Weile gab er es zurück.
Wirre Gedanken kreisten in Jenos Kopf. Er schloss seine Augen, während er mit beiden Fäusten den Schwertgriff umgriff. Als er die Lider wieder öffnete, sah er direkt in die leeren Pupillen des Shivaisten-Königs und sprang auf. Er holte aus und stieß ihm die Klinge in den Hals.
Jayavarman VIII. kippte vom Thron. Die Leibgarde starrte entsetzt auf den reglosen Gottkönig. Blut spritzte aus seiner Halsschlagader. Jeno flüchtete durch den Torbogen ins Freie und stürzte sich kopfüber die Steiltreppe herab. Zwanzig Meter tiefer schlug er auf dem Pflaster auf. Wird sein Märtyrertum die tyrannische Diktatur der Shivaisten-Sekte beenden?
1295 nach Christus. Fanfaren ertönten von lotusförmigen Tempeltürmen. In Fünferreihen marschierten Soldaten auf. Das Heer verteilte sich auf dem sternförmigen Straßennetz und überwachte die Krönungszeremonie. Hunderttausende strömten auf den Siegesplatz in Angkor Thom. Tausende Mönche in orangebraunen Kutten schritten durch das Menschenspalier in den heiligen Tempelbezirk. Hofdiener trugen die Königsfamilie in Sänften durch die Menge. Dreihundert Prinzen und Prinzessinnen warteten bereits auf der Elefantenterrasse, geschützt von einem quadratischen Steingeländer, verziert mit Drachenreliefs und neunköpfigen Nagaschlangen. Die Adligen knieten nieder, als die Träger die Königssänfte absetzten. Die Leibgarde bewachte den Goldthron inmitten des Siegesplatzes, davor bildeten vierundfünfzig Mönche im Lotussitz ein Spalier. Sieben Königssöhne, gefolgt von Oudom Boran, dem Oberbefehlshaber des Heeres, stiegen aus der Sänfte und stolzierten durch die Menge.
Als Letzter erschienen Kronprinz Srindravarman und der hochbetagte Arun. Der meistverehrte Abt im Reich trug die Krone und das Zepter auf einem Samtkissen. Mit gefalteten Händen beugte Srindravarman sich auf die Knie. Der greise Abt legte ihm die Krone aufs Haupt und murmelte einige Segensverse. Dann erklang der Sprechgesang der Mönche. Der soeben gekrönte Gottkönig empfing nun auch das Zepter und setzte sich auf den Thron.
Srindravarman beendete die Buddhisten-Verfolgung seines Vorgängers und erklärte Angkor zum buddhistischen Königreich.
Erneut ertönte der Mönchsgesang. Diesmal wiederholte das Volk die Worte der Segnungen. Voller Inbrunst schallte es aus Hunderttausenden Kehlen.
»Der König ist tot. Lang lebe der König!«
Auf dem Marktplatz in Angkor-Stadt. Die meisten Frauen verdeckten den Schambereich mit einem Seidentuch. Das Gesicht geschminkt, die Brüste blank. Sandalen benutzten nur Adlige, die bunte Seidengewänder trugen; die anderen waren barfüßig. Armreifen und Goldringe drückten die gesellschaftliche Stellung aus.
Staub bedeckte ihre Füße, ansonsten war Sonisay splitternackt. Das zierliche Mädchen knotete ihr Haar zu zwei Zöpfen, die seitlich über beide Schultern fielen. Sie saß auf einer Holzkiste inmitten des Gedränges auf dem Markt. Manchmal hatte sie Glück und ein Verkäufer bot ihr Reis für Arbeit an. Das hoffte sie auch jetzt, während ein Händler mit einem Besen auf sie zukam. Sonisay lächelte, dabei kam ihre riesige Zahnlücke zum Vorschein.
»Braucht der Onkel meine Hilfe?«
»Verschwinde. Wir dulden hier keine streunenden Kinder.«
Der Mann schlug mit dem Besenstiel auf sie ein. Sie duckte sich weg, sprang auf und rannte davon. Unter einer Kanalbrücke nahe dem Königspalast versteckte sie sich. Ein Angler saß auf dem Platz, an dem sie seit Längerem die Nächte verbrachte. Sonisay betrachtete den merkwürdigen Fremden. Er war mittleren Alters, trug eine ungewöhnliche silberblaue Stoffhose, recht breit geschnitten, die bis an die Knöchel ging. Struppige schwarzgraue Haare, spitzer Ziegenbart, friedvolle Augen und heitere Mimik. Trotz seines Dauergrinsens wirkte er bescheiden und eher schüchtern.
Sonisay erwiderte das schelmische Grinsen des Anglers mit einem herzerweichenden Blick.
»Wer seid Ihr?«, fragte sie.
»Ich denke, also bin ich. Mein Name ist Rangsey. Du darfst mich ruhig duzen.«
»Das ist lieb von dir. Ich versuche, immer höflich zu sein. Trotzdem behandeln mich die meisten Leute schlechter als einen Hund.«
Rangsey kraulte seinen Ziegenbart. »Bist du ein Waisenkind und hast kein Zuhause?«
Sonisay nickte stumm.
Sie musterte ihn. Er ist ganz anders als die Menschen, die mir sonst begegnen, dachte sie, ohne genau zu wissen, warum.
»Ich war zwei Jahre auf einer shivaistischen Schule, bevor ich alles verloren hatte. Die Lehrer verprügelten uns, wenn wir unhöflich sprachen oder vergaßen, vor ihnen niederzuknien. Manchmal auch ohne Grund. Ich hatte schreckliche Angst, irgendetwas Falsches zu sagen. Deshalb habe ich lieber geschwiegen und mich nicht getraut, Fragen zu stellen, wenn ich etwas nicht verstand.«
Rangsey verdrehte die Augen. Allein das Wort ›shivaistisch‹ ließ seine Adern brodeln, dazu noch in Verbindung mit Schule ... er pustete, um Druck abzulassen, dann dachte er laut.
»Shivaisten verachten das Wohl der Kinder und ihrer Eltern. Sie fürchten selbstständig-logisch denkende Menschen. Denen geht es einzig darum, gleichgeschaltete Gläubige zu züchten. Treuergeben nachfolgen und es ja nicht wagen, zu zweifeln oder gar die vorgegebenen Denkweisen zu hinterfragen. Genau, wie ich es prophezeit hatte, damals, als die Shivaisten an die Macht kamen. Und weil ich meine Stimme erhoben hatte, und dagegen protestierte, habe auch ich alles verloren.«
Rangsey wollte gerade weiter tief im Inneren aufgestauten Druck ablassen; Sonisays traurige, unschuldige Kinderaugen beruhigten sein Gemüt. Er schmunzelte, während er ihr zuhörte.
»Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn du dich höflich und nickend verbeugt hättest, wie es meine Lehrer mir einprügelten. Einer von ihnen wiederholte stets: Sprecht ihr wie das Gesindel auf der Gasse, dann seid ihr nichts. Redet fein wie der Hochadel, dann seid ihr wer.«
»Weißt du, diese aufgesetzte und geschwollene Art der Adligen, alles nur Fassade und dient dem Schein. Vornehm reden die, aber handeln tun sie wie gierige Räuber. Mir sind die Leute lieber, die einem aufrichtig die Wahrheit ins Gesicht sagen, als solche, die einen mit höflichen Worten hinterrücks betrügen.«
Ein Knurren breitete sich aus, Sonisay fasste sich an ihren Magen.
Er zeigte ihr zwei Fische in seinem Eimer. »Hungern sollst du heute nicht.«
Rangseys verwitterte Hütte lag am Rande eines Armenviertels. Die Wände aus Bambusgeflecht, einige Gefäße standen auf dem Lehmboden. Ein Strohlager diente als Schlafplatz, daneben lag ein Säbel.
»Du kannst vorerst bei mir bleiben. Ich werde mit einem befreundeten Seidenhändler reden. Vielleicht hat er Arbeit für dich. Ich glaube, er braucht eine Magd.«
Sonisay fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, ihm zur Last zu fallen. Er war genauso arm wie sie. »Das ist lieb von dir. Aber ich möchte weiter unter der Kanalbrücke schlafen. Wieso lebst du allein und hast keine Frau wie alle anderen Männer?«
Rangseys heiteres Gemüt erstarrte. Da war er wieder, dieser niemals endende Schmerz.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht kränken«, sagte Sonisay.
»Ist schon gut. Auch die Frau, die ich liebe, haben sie mir genommen.«
Er betonte das ›sie‹ so verbittert, dass Sonisay ihn nicht weiter fragte, obwohl sie gerne gewusst hätte, wer mit ›sie‹ gemeint war. Sie verstand nun, was an ihm so besonders war. Er hatte viel gelitten, alles verloren, und trotzdem wirkte er gelassen und war stets freundlich.
Sonisay fürchtete die finsteren Nächte, oft quälten sie schaurige Träume von den Seelen verstorbener Ahnen. Gute und böse Dämonen, die in Flüssen, Bergen und Tieren leben. Im menschlichen Körper sorgen Geister für Gesundheit oder Krankheiten, je nachdem wie man sie behandelt und ehrt. So hatte sie es von ihrer Großmutter gelernt, bei der sie aufgewachsen war. Sonisay verlor nach ihren Eltern auch die geliebte Oma. Ein verwahrloster Onkel besetzte ihr Pfahlhaus und misshandelte sie wie eine Leibeigene. Eines Nachts schlich er an ihr Schlaflager und streichelte sie zwischen den Schenkeln. Sonisay befreite sich aus seiner Umklammerung und lief davon. Seither lebte sie allein auf der Straße.
Rangsey stellte ihr seinen Freund vor. Der Seidenhändler nahm Sonisay auf, damit sie sich um seinen todkranken Großvater kümmert. Täglich pflegte sie ihn und kochte für die Familie.
Es ging ihr gut, man war nett zu ihr. Es war wie ein Traum, bis sie eines Morgens zitternd und schweißgebadet in ihrer Kammer erwachte. Hohes Fieber und häufiges Erbrechen schwächten sie. Sonisay hatte keine Kraft mehr, um aufzustehen. Der herbeigerufene Heiler fasste ihr an die Stirn.
»Sumpffieber. Schafft sie hier raus, bevor sie jemanden ansteckt.«
Ein Diener legte sie auf ihr altes Strohlager unter der Kanalbrücke. Völlig durchnässt und erschöpft schlief sie ein.
Rangsey wurde benachrichtigt. Er suchte seinen Freund auf und schimpfte über das Unwissen des Arztes. »Der Quacksalber hat keine Ahnung. Das Sumpffieber wird nur von Stechmücken übertragen.«
»Ich muss eine neue Magd finden. Mein Vater ist schwer krank. Das ist teuer, ich kann das Mädchen nicht auch noch durchfüttern. Es tut mir leid.«
Rangsey fiel vor Schreck die Angelrute aus der Hand, als er Sonisay entdeckte. Er rüttelte sie vorsichtig, bis sie benommen ihre Augen öffnete. Ein zartes Lächeln huschte über ihr bleiches Gesicht, als sie ihn erblickte. Er brachte sie zu seiner Hütte und kühlte ihre heiße Stirn mit feuchten Lappen. Vergeblich, bald verfiel sie in einen schläfrigen Wahnzustand. Mit seinem letzten Silbergedeck bezahlte er einen Heiler, der die Malaria mit Kräutern bekämpfte. Tagelang balancierte sie auf der Schwelle des Todes, abgemagert und geistig entrückt. Rangsey verbrachte die meiste Zeit an ihrer Seite. Sie atmete immer schwerer. Ihre Augen blieben geöffnet, ohne dass sie sich bewegte.
Dreieiige Drillinge, unterschiedliche Größe und Gesichter, dreieinig im Geist. Pujari I. und II. und III. Drei hagere Gestalten mittleren Alters, die sich äußerlich kaum ähnelten, innerlich dafür eins waren. Lange Bärte verdeckten ihre Gesichtszüge, nicht aber den unsteten Blick. Ihr voller Name Pujari Swami bedeutete ›Großmeister der Hohepriesterschaft‹, passend zu ihrem Rang als Obergurus der Shivaisten-Sekte. Pujari I. war als Erstgeborener ihr Anführer.
»Hätten wir nur alle Mönche auf einmal ausgerottet, jeden Tempel und alle Statuen abgefackelt. Diesem Buddhisten-Pack ist nichts heilig. Shiva! Ich spüre deinen Zorn!«
Pujari II. starrte ins Leere. »Hinterrücks abgesetzt und entmachtet. Ohne die Armee wäre dieser Putsch unmöglich gewesen.«
»Wir müssen die Heeresanführer stürzen, bevor sie das Reich in eine Militärdiktatur verwandeln«, sagte Pujari III.
Pujari I. schwieg und ging eine Weile auf und ab. Ein General, der für die Shivaisten spionierte, trat ein und unterbrach die Stille.
»Oudom Boran lässt alle Tempel und Paläste mit Soldaten besetzen, unter dem Vorwand, für Ruhe in der Tempelstadt zu sorgen. Er verhandelt mit dem Hofadel über die künftige Gestaltung der Verfassung. Es sieht ganz so aus, als wolle er die Macht an sich reißen.«
»Gibt es dazu konkrete Hinweise?«, fragte Pujari II.
»Oh ja, ich war selbst bei der Generalstabsversammlung dabei. Oudom Boran drängt darauf, dem König die Befehlsgewalt über die Armee zu verweigern. Er fordert, seine Rolle als alleiniger Oberbefehlshaber der Streitmacht in der neuen Verfassung zu verankern. Leider habe ich weitere schlechte Nachrichten.«
»Und die wären?«, fragte Pujari III.
»Oudom Boran verschiebt das Machtgefüge innerhalb des Militärs zu seinen Gunsten. Er berief einige Brüder und enge Verwandte in den Kreis des Obergeneralstabs. Dafür versetzte er gleich sieben unserer verbündeten Generäle in den Ruhestand. Vermutlich will er sich jedem shivaistischen Einfluss entziehen, um Vertrauen beim neuen Gottkönig zu gewinnen.«
Pujari II. und III. musterten ihren älteren Drillingsbruder; der atmete tief, was kein gutes Zeichen war. Entgegen dem erwarteten Wutausbruch blieb Pujari I. äußerlich ruhig.
»Ein neues Zeitalter bricht an. Wir müssen geduldig abwarten, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Und zwar so lange, bis die Verfassung geändert und ausgerufen wird. Entscheidend wird sein, ob Oudom die Zustimmung der Ratsältesten und des Hofadels gewinnt. Es bedarf Fingerspitzengefühls, um dem Gottkönig die Oberbefehlsgewalt über das Heer abzuerkennen.«
Der General nickte. »Der Sakralstaat ist nur im Verbund mit Religion und Krone regierbar. Oudom Boran weiß das. Er wird alles daransetzen, das Machtgefüge im Gleichgewicht zu halten.«
»Uns zu entmachten, Shivas Auserwählte, ist Verrat an den Göttern. Ich schwöre Blutrache. Shiva hat mich erkoren, den Thron zurückzuerobern und das Geschwür des Buddhismus völlig auszurotten.«
Der General verließ die Teakvilla. Die Drillinge entfachten Räucherstäbchen und steckten sie in eine Vase vor einer Shiva-Statue. Sie saßen im Kreis, reichten einander die Hände und meditierten.
Aber dann bellten Hunde, dumpfe Geräusche von allen Seiten. Die Palastwache drang ein und umzingelte die drei Brüder.
Im Königspalast
Wachmänner drückten die Köpfe der gefesselten Drillinge vor dem Thron zu Boden. Der Gottkönig sah auf sie herab, während Kronprinz Narith die Anklage vortrug.
»Ihr tragt die Verantwortung für den Tod Tausender Buddhisten in Tateinheit mit Volksverhetzung. Dazu wird euch vorgeworfen, die shivaistische Lehre im Eigeninteresse missbraucht zu haben. Ihr habt meinen Vater, Jayavarman VIII., zu Morden angestiftet und auch sonst sehr unheilvoll beeinflusst.«
Pujari I. wagte es nicht aufzusehen. »Ganz im Gegenteil. Der Gottkönig ist im Alter immer fanatischer geworden. Wir versuchten, ihn von den Buddhisten-Verfolgungen abzuhalten, aber er hörte nicht mehr auf uns. Wir sind ehrbare Shivaisten, auserwählt, um dem Werk des Herrn zu dienen.«
Srindravarman erhob sich von seinem Thron. »Selbst wenn es denn so wäre, unschuldig seid ihr keinesfalls. Ihr habt meinen Vater mit falschen Lehraussagen irregeleitet und den Hass auf Buddhisten in ihm geschürt. Ohne euren Einfluss wäre er nicht, wie ihr es gerade behauptet habt, fanatischer geworden.«
»Oh, großer Gottkönig, gelobet sei Euer Name, gepriesen sei Euer Schaffen. Wir bitten um Vergebung«, sangen die Drillinge im Chor.
»Ihr steht unter Hausarrest, bis die Verfassung in Kraft tritt. Danach werde ich über euer Schicksal entscheiden. Wachen, begleitet die drei in ihr Verlies und sperrt sie in getrennte Zellen!«
Srindravarman hegte klare Vorstellungen von seiner Rolle: Er allein ist der unfehlbare gottgleiche Herrscher. Er überließ seinem jüngeren Bruder, Kronprinz Narith, das Feilschen um den Wortlaut der neuen Gesetze. Täglich berichtete ihm Narith von den Verhandlungen mit dem Kronrat, dem Heeresanführer und dem Rat der sieben ältesten Mönche.
»Der Hofadel unterstützt die Verbannung der shivaistischen Göttersekte und nimmt den Buddhismus an. Die Prinzen und Fürsten bestehen darauf, die Rangordnung zu wahren, damit ihr Status als auserwählte Führerrasse unangetastet bleibt.«
Srindravarman hatte dies erwartet. »Das ist alles, was die kümmert. Mehr Sorgen bereiten mir der Ratsälteste und Oudom Boran.«
»So ist es. Die Verhandlungen um den Wortlaut der neuen Verfassung sind ins Stocken geraten. Es gibt Kräfte, die Eigeninteressen der Zukunft des Reiches voranstellen.«
»Das ist das Erbe der Shivaisten, die den Shivaismus über Jahrzehnte zur absoluten Gedankenkontrolle ihrer Untertanen missbraucht hatten. Alle sind hörig, niemand wagt es, dem Ratsältesten oder Oudom zu widersprechen, egal, was für einen Unsinn sie verbreiten.«
Dünne, leicht geschwungene Augenbrauen, stechende Pupillen. Große gleichförmige Zähne und wulstige Lippen. Glatte schwarze Haare umrahmten hohe Wangenknochen wie ein Oval. Prinzessin Chantrea war ebenso schön wie durchtrieben. Die selbstbewusste Hohepriesterin sorgte sich um ihren künftigen Einfluss. Bisher war sie die mächtigste Frau im Reich. Die bestimmende Religion in Angkor hatte bereits mehrmals zwischen Buddhismus und Shivaismus gewechselt, je nach Vorstellung des herrschenden Gottkönigs. Chantrea hatte jedoch rechtzeitig die Fronten gewechselt, bevor die Shivaisten entmachtet wurden. Obwohl sie die Entmachtung ihres Stiefvaters unterstützt hatte, weigerte sich der Kronrat, ihr weiterhin den Titel einer Hohepriesterin zuzugestehen. Die Verteilung der Befehlsgewalt war ein abgesprochenes Spiel, in dem sie die große Verliererin war. Als ehemalige Shivaisten-Priesterin stand sie für Vergangenes und sollte sich deshalb zum Wohl der Königsfamilie zurückziehen.
Chantrea sann nach einer List. Mit aller Macht wollte sie ihren Rang als gottgleiche Priesterin wiedererlangen. Sie suchte Rat bei Govinda, ihrem leiblichen Vater. Er lebte auf einem Einsiedlerhof im bergigen Hinterland und war ein Brahmane und Geisterbeschwörer, der die Kunst, Blitz und Donner zu erzeugen, bei einem arabischen Alchemisten gelernt hatte. Einst hatte er großen Einfluss auf den Shivaisten-Rat. Erst als der nun ermordete Gottkönig ihm seine Frau entrissen und zur Königin gemacht hatte, zog er sich verbittert zurück. Trotzdem stimmte der gedemütigte Magier zu, auf seine Vaterschaft zu verzichten, damit seine damals fünfjährige Tochter zur Prinzessin gekürt werden konnte.
Chantrea hatte über zwölf Jahre geglaubt, ihr Vater wäre gestorben. Erst als ihre Mutter auf dem Sterbebett lag, erzählte sie ihr, dass er noch lebte und wo sie ihn finden konnte. Seitdem besuchte sie ihn regelmäßig. Er war der Einzige, der sie verstand und ihre Gefühle erahnte.
Nun hatte sie ein besonderes Anliegen. Sie flehte ihn um magischen Beistand an. Er sollte einen Götterzauber entfachen, der den Kronrat dazu zwingt, sie wieder zur Hohepriesterin zu ernennen.
Govinda hielt den Betrug von Anfang an für falsch, was er seiner Tochter verschwieg. Er beugte sich ihrem unbändigen Willen und sagte ihr seine Unterstützung zu.
Hinter vorgehaltener Hand verhöhnten Soldaten den Heeresanführer und seinen Stellvertreter gern als ›Schweinebrüder‹. Eine Anspielung auf ihre eingedrückten Riecher und den mit Tränensäcken untersetzten Froschaugen. Oudom Boran und sein jüngerer Bruder, General Ponleak, glichen einander beinahe wie Zwillinge.
»Die Mehrzahl der Adligen unterstützt unseren Verfassungsentwurf«, sagte Oudom. »Trotzdem misstraue ich den Kronräten, ganz besonders dem Ratsältesten.«
Ponleak rümpfte die Nase. »Der Greis lügt sich seine eigene Welt zurecht. Er wechselt die Seiten, je nachdem, woran sich die Mehrheit orientiert.«
»Der hinterlistige Schönredner weiß stets und als Einziger, was in den Köpfen der Entscheidungsträger vorgeht. Dem kriechen doch alle in treuer Ergebenheit in den Arsch.«
»Der Alte ist das berüchtigte Zünglein an der Waage.«
Oudom klopfte Ponleak auf die Schultern. »Wie immer habe ich einen Plan. Bald feiern Hunderte Prinzen eine Orgie, um den Harem des ermordeten Königs unter sich aufzuteilen. Mische dich unter die Feiernden. Beneble den Kronratsältesten mit Opiumpulver und entlocke ihm, wen er letztendlich in der Verfassungsfrage unterstützt.«
Ponleak zweifelte an dem Vorhaben. »Der Ratsälteste ist ständig umringt vom Hofadel und bewacht von Leibgarden. Er ist unnahbar.«
Oudom zwinkerte mit dem Auge. »Der Älteste hat eine große Schwäche. Schnaps und Opium enthüllen den wahren Charakter dieses angeblich so vornehmen Greises. Im Rausch verwandelt er sich in ein lüsternes Biest.«
Im hölzernen Palast von Preah Khan
Die Mädchen aus dem Harem des gestürzten Königs wurden auf einer Holzbühne ausgestellt. Sie schminkten sich die Wangen oder flochten scheu an ihrem Haar. Angespannt suchten sie Blickkontakt mit den Prinzen.
Ponleak stand direkt neben dem Podium, auf dem die Kronräte auf Seidenkissen saßen. Er belauerte den Ratsältesten, der nichts ahnend den mit Opium vermischten Reiswein trank. Der Rausch löste jegliche Hemmung. Die Adligen erwählten ihre Gespielinnen und ließen sich von den nackten Schönheiten verwöhnen. Harfe und Xylophon begleiteten die Lustschreie der Konkubinen.
Hua Hong prüfte den Sitz der Holzstäbchen in ihrem hochgesteckten Haar. Rundliche Wangenknochen und ein wie ein Kuss geformter Fischmund. Grünbraune Pupillen schimmerten aus schmalen Augenschlitzen. Die langbeinige Chinesin streichelte ihre papayaförmigen Brüste. Mit kreisenden Hüften schlenderte sie auf den Ratsältesten zu. Aufreizend legte sie sich auf ein Samtpolster und spreizte ihre Schenkel weit. Sie kreiste mit der Zunge um die Lippen. Der Ratsälteste kicherte wie eine heisere Gans. Hua Hong stand anmutig auf und umarmte ihn von hinten. Zärtlich kraulte sie ihm den Nacken, dabei hauchte sie ihm stöhnend ins Ohr, bis er sich mit beiden Händen am Schritt rieb. Auf diese Gelegenheit hatte General Ponleak gewartet, ohne Begrüßung trat er vor.
»Habt Ihr Euch mittlerweile entschieden, ob Ihr dem Verfassungsentwurf meines Bruders zustimmt? Es soll nicht zu Eurem Schaden sein, auch Ihr werdet mehr Macht erhalten.«
Der Ratsälteste wirkte überrumpelt. »Wir treffen uns in meinem Teakpalast. Ich gehe voraus. Ihr sorgt dafür, dass die Konkubine mitkommt. Seid unauffällig. Es gilt, Geläster am Hof zu vermeiden.«
Im Palastgarten blieb Hua Hong vor Ponleak stehen und streichelte ihm die Wangen.
»Bitte gebührt mir die Ehre, Euch fortan zu dienen.«
Sehnsucht erwachte in Ponleak. Verwirrt von der erhöhten Blutzufuhr in seinen Genitalien, malten seine Gedanken Bilder der Liebe. Doch sein Verstand pochte auf Pflichterfüllung.
»Leider besitzt jemand anderes das Vorrecht.«
Im Teakpalast
Gleich einer Katze schmiegte Hua Hong ihren nackten Körper an den kichernden Alten. Ponleak beäugte angewidert das Spiel. Die Konkubine hatte ihm eben gesagt, wie sehr sie sich vor dem grausamen Greis ekelt.
Der Ratsälteste sabberte wie ein läufiger Hund. »General, was steht Ihr hier noch so unnütz herum? Euer Bruder darf sich meiner vollen Unterstützung gewiss sein. Die Macht wird auf drei Säulen verteilt. Oudom gebührt die Oberbefehlsgewalt über das Heer. Der Kronrat wacht über alle erlassenen Gesetze, die er eigenmächtig ändern kann. Die dritte Säule dient allein zur Zierde.«
»Raffiniert. Der König wird zu unserer Marionette, gleichzeitig bleibt dem Volk gegenüber der Schein des gottgleichen Alleinherrschers gewahrt.«
Der Ratsälteste umarmte Hua Hong. »Nun geht. Wie Ihr seht, bin ich gerade dabei, mich zu vergnügen.«
»Eines noch«, sagte Ponleak. »Wie wollt Ihr den Kronprinzen überlisten?«
»Wir zögern die Verhandlungen hinaus, bis Abt Arun auf eine Entscheidung drängt. Dann besetzt die Armee den Königspalast und übt den nötigen Druck aus. Der Kronprinz wird sich der Kraft des Heeres beugen müssen. König Srindravarman, von den Ereignissen überrumpelt, wird gezwungen sein, die Verfassung zu unterschreiben.«
Ponleak verbeugte sich dreimal vor dem Ratsältesten. Hua Hong verabschiedete ihn mit einem Augenzwinkern. Sie trank einen kräftigen Schluck Reisschnaps, während der Greis sich entblößte. Völlig berauscht, hechelnd wie ein läufiger Hund, erwartete er seine Gespielin.
Hua Hong huschte in eine Nische und erfrischte sich am Wasserbecken. Hastig entknotete sie ihren Haarknoten, in dem ein Döschen eingewickelt war, darin eine farblose Fettschmiere, die sie sich in die Scheide schmierte. Sie wusch ihre Hände und ging zurück ins Gemach. Der Ratsälteste lag auf dem Rücken. Hua Hong stellte sich breitbeinig über seinen Kopf, spreizte ihre Schenkel und beugte sich über seinen mit verfaulten Zähnen gespickten Mund. Die scheinbare Erregtheit des Mädchens steigerte seinen Herzschlag auf gefährliche Schwingungen. Er erbleichte und hielt sich die Brust. Schwer atmend zeigte er auf seine erschlaffte Männlichkeit. Hua Hong würgte es innerlich. Der Ratsälteste jaulte wie ein hungriger Kater. Er hob seinen Nacken an und krächzte unverständliche Laute und verlor das Bewusstsein.
Hua Hong spuckte ins Wasserbecken und spülte ihren Mund. Sie lehnte an der Wand und weinte. Schmerzliche Erinnerungen an ihre bewegte Vergangenheit suchten sie heim. Sie stammte aus einer nordchinesischen Provinz, wo sie als uneheliche Tochter eines Königs und einer Sklavin in einem Palast aufwuchs. Mit gerade mal dreizehn Jahren wurde sie an einen schmucken Prinzen nach Angkor verkauft, dem sie sogar freiwillig gefolgt wäre. Zwar musste sie ihn mit anderen Konkubinen teilen, dennoch führte sie ein zufriedenes Dasein am Hof.
Tragischerweise stürzte ihr Gatte beim Bullenreiten und brach sich das Genick. Darauf sicherten sich zweitrangige Jungprinzen ihre Dienste, die sie mehrmals in Horden vergewaltigten. Immerhin entging sie dem grausamen Schicksal vieler alternder Kurtisanen, die als verstoßene Huren direkt in einem der verruchten Bordelle im Hafenviertel landen.
Eine glückliche Fügung verbesserte ihr Leben. Kronprinz Narith hatte sie beim Baden bemerkt und Gefallen an der anmutigen Frau gewonnen. Eines Tages aber hatte er sie darum gebeten, sich im Harem des Shivaisten-Königs einzuschleichen und ihn auszuspionieren. Aus Treue erfüllte sie ihren Auftrag und überwand ihren Ekel vor dem oft trunkenen und gewalttätigen Herrscher, der sie täglich misshandelte. Der Königsmord hätte das Ende ihrer Leidenszeit sein sollen. Hua Hong rechnete fest damit, nun endlich zu Narith zurückzukehren.
Voller Hoffnung trat sie in Nariths Gemach und berichtete ihm von der Verschwörung von Militär und Kronrat. Der Kronprinz dankte ihr, indem er sie nach langer Zeit wieder einmal leidenschaftlich liebte.
»Bald sollst du an meiner Seite leben, das verspreche ich dir. Vorher habe ich noch einen letzten Auftrag: Du wirst im Harem der Boran-Brüder aufgenommen, um ihren Familienclan zu überwachen.«
Zerplatzte Sehnsucht. Erneut sollte sie ihren Körper einem Tyrannen überlassen. Schmerzen quälten ihre vernarbte Seele. Sie kämpfte dagegen an, ihre Gefühle zu zeigen, konnte ihre Tränen aber nicht unterdrücken.
Narith kraulte ihr den Nacken. »Hab nur ein wenig Geduld. Der Kampf für Gerechtigkeit ist noch nicht gewonnen.«
»Ich verstehe. Die Verschwörung des Heerführers gefährdet alles bisher Erreichte.«
»Diese Entwicklung war vorauszusehen. Korruption ist ein Geschwür, das über Generationen wächst und eine Kultur vergiftet.«
»Was wollt Ihr dagegen tun?«, fragte Hua Hong mit weinerlicher Stimme.
»Keine Sorge. Wer vorausdenkt, ist immer einen Schritt voraus. Mein Bruder und ich werden auf den Putschversuch der Armee vorbereitet sein.«
Im Palast des Boran-Clans
Von außen eine Festung mit hohen Holzpalisaden, darin ein zweistufiger Säulenpalast aus Teak, bestehend aus sieben leicht versetzten Gebäuden mit geschwungenen goldenen Dächern. General Ponleak empfing Hua Hong warmherzig. Er schenkte ihr Armreifen und Ringe, damit sie sich angemessen präsentieren konnte.
Hua Hong saß zwischen Ponleak und Oudom auf Samtkissen. Die übrige Familie verteilte sich um kniehohe Tische im Palastgarten. Ponleak besann sich nochmals kurz. Er überlegte sich blumige Worte, mit denen er seine Hochzeit mit Hua Hong verkünden wollte. Just in diesem Augenblick streifte sein Bruder Oudom vergnügt Huas Kleid zur Seite und lutschte an ihren Brüsten. Die männlichen Borans klatschten und grölten. Zum Glück hatte Ponleak niemanden vorher in seinen Plan eingeweiht. Ansonsten hätte er eben sein Gesicht auf ewig verloren.
Ponleak hoffte auf eine Wendung, schließlich war sie seine Sklavin. Was aber, wenn sie Gefallen an seinem Bruder findet? Er wollte es wissen und schlich ihnen nach. Vorsichtig spickte er hinter den Vorhang eines Schlafgemachs und beobachtete Hua Hongs Mimik, während sie sich Oudom hingab. Mit geschlossenen Augen und aufgerissenem Mund wog sie auf und ab und kreiste mit den Hüften. Frustriert hörte Ponleak ihre verlangenden Lustschreie, was ihm endgültig das Herz brach.
Hua Hong musste das am eigenen Leib erfahren. Der vorher so manierliche Ponleak spuckte sie an und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Eingesperrt in einem Erdloch schwand ihr das Fleisch von den Rippen. Hunderte Bisse von Stechmücken übersäten ihren Körper. Erst als sie ohnmächtig in ihrem eigenen Kot lag, zeigte Ponleak Erbarmen und brachte sie in ein Hospital.
Als Hua Hong etwas zu Kräften kam, kehrte sie zurück zu Narith. Er erkannte die gebrochene Frau kaum wieder. All ihre Anmut und ihre Würde waren verwelkt, verweinte grünbraune Pupillen starrten verstört ins Leere. Der Kronprinz löste sein Versprechen ein und nahm sie zu seiner Nebenfrau.
Sonisay zitterte am ganzen Leib. Rangsey wechselte die durchgeschwitzte Decke.
»Ich gehe zu einem befreundeten Heiler. Er lebt einen Tagesmarsch entfernt. Morgen bin ich wieder zurück. Er wird dir helfen.«
Er fasste an Sonisays Stirn, sie glühte. Ob sie ihn hören konnte, wusste er nicht, sie blinzelte, ohne sich zu regen.
Einige Stunden später stand er vor des Heilers Hütte, gebaut auf Pfählen direkt am Ufer eines Flusses. Keine Antwort auf sein Rufen. Er kletterte die Leiter hinauf und öffnete die Tür, dann ging er hinein.
»Schön, dich noch einmal zu sehen, mein lieber Freund«, sagte der Heiler. Er lag auf seinem Bettlager, seine Augen waren trüb und seine Wangen blass.
Rangsey kniete sich zu ihm und hielt seine knochigen Hände. Der Heiler redete mit einem leichten Lächeln.
»Meine Zeit ist abgelaufen, bald trete ich über ins Totenreich«, seine Stimme klang schwach, aber heiter. »Dass ausgerechnet du der Letzte bist, dem ich in diesem Leben begegne, ist eine wundervolle Fassade des Schicksals.«
Er zeigte auf ein Pult, darauf lag eine Schriftrolle. »Dein Erbe!«
Rangsey sammelte seine Gedanken und rang nach den richtigen Worten. Der Heiler drückte Rangseys Hände an seine Brust. »Es gab einmal Menschen, die noch wussten, woher sie stammten und wo ihr Platz im Universum war. Sie kannten die Bahnen der Sterne, die Mathematik des Alls. Irgendwann in ferner Vergangenheit suchten schreckliche Katastrophen die Welt heim. Ein Komet kippte das Gleichgewicht von Mutter Erde. Die Große Flut zerstörte die Städte und Bibliotheken unserer sternengelehrten Ahnen. Die meisten Einweihungsstätten wurden vernichtet. Um das Wissen an ihre Nachfahren weiterzureichen, bauten sie steinerne Monumente, darin enthalten die Geheimnisse der Kosmischen Geometrie.«
»Hast du die Gesetze des Kosmos wiederentdeckt?«
Der Heiler röchelte, ein Auge war zu, mit dem anderen sah er Rangsey an. »Erleichtert. Es fühlt sich leicht an.«
Er atmete nicht mehr, sein Herz stand still.
Rangsey deckte ihn zu und schloss die Augenlider des Freundes. Lange kniete er vor ihm, gedankenleer. Seine innere Stimme hatte ihn hierher gerufen. Was war der Grund?
Die Schriftrolle aus Palmblatt auf dem Pult war verknittert und von Tintenklecksen überzogen. Rangsey hatte einen umfassenden Text erwartet, kompliziert und weltbewegend. Sonisay lag im Sterben, der Heiler war tot. Drei Sätze, tausend Gedanken im Kopf.
Drei Stufen ebnen den Weg zur Erleuchtung. Die erste: Aneignung von komplexem kosmischem Wissen. Die zweite: Einüben von Fähigkeiten zur Beherrschung des Geistes über Materie und seiner polaren Eigenschaften. Die letzte Stufe der Einweihung: Die Öffnung des dritten Auges entriegelt das Tor zur weisen Voraussicht, dem Zugang zu höheren Schwingungsdimensionen.
Ohne zu begreifen, was die Worte bedeuteten, knüpfte er eine Verbindung zu steinernen Monumenten, erbaut im Maßstab kosmischer Geometrie, die der Heiler erwähnt hatte. Dieses rätselhafte Erbe sternengelehrter Ahnen faszinierte ihn, darin wähnte er den Ursprung des Menschseins. Religiöse Texte dienten seiner Meinung nach nur dazu, das einfache Volk hörig zu machen. Die Vereinigung von Krone und Religion untergrub die Verbundenheit der Menschen mit dem Kosmos, davon war er überzeugt. Wer es wagte, das laut auszusprechen, der wurde schnell zum Feind der herrschenden Klasse. Nicht nur in Angkor, sondern auch in Arabien und dem Abendland, wie er von seinen Reisen wusste.
Die einflussreichste Stadt in Süd-Angkor, eine weitläufige Siedlung, erstreckte sich um einen aufgeschütteten Hügel. Darauf thronten eine Stupa und ein Palast. Weitab der Königsstadt regierte in Phnom Penh der Landadel die verstreuten Dörfer.
Zwei Männer hatten das Sagen. Einer davon war Heerführer Kosal. Er kommandierte das Südheer, das etwa ein Drittel der Stärke der Streitmacht von Angkor ausmachte. Kosal glaubte an die göttliche Ordnung und sah sich dazu berufen, das bestehende Machtgefüge zu bewahren. Innerhalb der Streitmacht war er der letzte verbliebene Widersacher des Boran-Clans, der sämtliche Generäle in Angkor-Stadt stellte. Oudom hatte viele verdiente Offiziere entmachtet und mit Brüdern und Vettern ersetzt.
Kosal wollte und konnte dies nicht hinnehmen und reagierte mit drastischen Maßnahmen. Er erklärte das Südheer für unabhängig von der Armee der Hauptstadt. Gottkönig Srindravarman gewährte es stillschweigend, um die Macht des Boran-Clans einzuschränken.
Der wahre Herrscher im Süden aber war Davuth, der Pate des Landadels. Er residierte im Palast auf dem Hügel Penh. Sein Familienclan kontrollierte alle Dörfer und Städte. Hinter vorgehaltener Hand munkelten die Bauern, dass er aus einer Räuberfamilie stammt und nicht, wie in manchen Reliefs beschrieben, die Reinkarnation des Lepra-Königs darstellt. Ein Kopf wie ein Kürbis, gerade abgeschnittene Haare bedeckten die halbe Stirn. Schräge Schneidezähne, gespaltenes Kinn und ein immerwährendes Grinsen. Ein heuschreckengrünes Seidentuch verhüllte seinen beleibten Körper. Auf jedem seiner Finger steckte ein Goldring; er trug eine Goldhaube, bestückt mit Brillanten. Er war ständig umringt von einer stattlichen Zahl an Leibwächtern. Ein durchtriebener Baaci-Priester und blutjunge Mädchen zählten zu seinen Untergebenen. Das Verhältnis zu dem Anführer des Südheeres war von gegenseitigem Respekt und der Wahrung eigener Interessen geprägt. Auch als Kosal den Paten dazu aufforderte, sich dem Aufstand gegen den Boran-Clan anzuschließen.
»Die Streitmacht in Angkor will den König zur Marionette herabwürdigen. Was, wenn Oudom es tatsächlich gelingt, die Verfassung zu ändern?«, fragte Kosal.
Davuth schlürfte aus einer Reisweinschale. »Dann übernimmt der heuchlerische Familienclan der Borans das Zepter hier im Süden.«
»Das wäre unser Ende und der Untergang des Reiches!«
Davuth lehnte entspannt auf einem Samtkissen. »Noch unterstehen die Soldaten dem Befehl des Gottkönigs.«
Kosal rückte an den Paten heran. »Oudom verweigert dem Erhabenen die Oberbefehlsgewalt über das Heer und drängt darauf, selbst göttliche Geltung zu erhalten. Das muss verhindert werden. Das Königshaus unterstützt uns darin, die Diktatoren zu beseitigen.«
Davuth begoss eine Dienerin mit Honig und schlürfte begierig an ihren Brüsten. Er benötigte etwas Ablenkung, auch er sorgte sich um seine Vormachtstellung.
Kosal redete unbeirrt weiter. »Das Südheer ist Angkors Armee hoffnungslos unterlegen. Es sei denn, Ihr gewährt uns Unterstützung.«
»Wie kann ich Euch helfen?«
»Euch unterstehen Tausende bewaffnete Schutzmänner, die in den Dörfern im Süden verteilt sind.«
Davuth ließ von der Tänzerin ab. »Meine Truppen wahren die Ordnung in den Siedlungen. Nur im Fall eines Angriffs auf unser Volk wäre ich dazu bereit, Euer Heer mit meinen Männern zu verstärken – aber keinesfalls für einen Bruderkrieg.«
Kosal setzte ein triumphierendes Grinsen auf. »Der König des Nachbarreiches Champa zählt zu meinen Verbündeten. Mit der Hilfe seiner Streitmacht marschieren wir ein in Angkor und stürzen den Heeresführer.«
Davuths Mienenspiel schwankte zwischen Zweifel und Anerkennung.
»Seid Ihr Euch des Pakts mit dem Champa-König schon sicher?«
»Boten und Diplomaten haben den Weg bereits geebnet«, antwortete Kosal. »Bald reise ich an die Ostküste und besiegle das Bündnis.«
Angkor-Stadt
Davuth pflegte ungern die Beziehungen mit dem Königspalast, denn dort wurde er als bäuerlicher Adliger herablassend behandelt. Jedoch gefährdete Kosals Putschplan seinen Rang. Darum hatte er sich auf den Weg gemacht, um beim Gottkönig vorzusprechen. Srindravarman hörte ihm aufmerksam zu. Obwohl er dem verworrenen Paten misstraute, sah er in ihm einen wichtigen Verbündeten. Kosals eigenmächtig geplanter Aufstand war hochgefährlich und könnte zu einem Bürgerkrieg führen.
Srindravarman fürchtete eine Aufrüstung seiner Armeen, was Oudoms Einfluss nur noch weiter verstärken würde. Deshalb sandte er Narith ins Nachbarreich Champa. Der Kronprinz sollte das Bündnis mit dem Südheer verhindern.
Die Verhandlungen um die neue Verfassung wurden immer offener geführt. Der Ältestenrat unterstützte Oudom bedingungslos, die Jüngeren gehorchten murrend. Vernunft war bedeutungslos. Auf der Stelle rückwärtsgleitend, die Wahrheit so zu verbiegen, wie es dem Ranghöheren passte? Einen Älteren zu kritisieren, verstieß gegen die strenge Rangordnung und galt als sittenwidrig – egal, welch fataler Irrtum passierte.
Kronprinz Narith erreichte das Königreich Champa auf einer Barke. Mit an Bord war auch Prinzessin Sovanna, seine Schwester. Verträumte Mandelaugen, oft ein wenig betrübt; rundliche Bäckchen, passend zu ihrem heiteren Gemüt. Pechschwarzes Haar bedeckte ihre Schultern. Eine Goldkette schmückte ihren Hals. Ringe steckten in winzigen Ohren, Perlenketten verzierten ihre Oberarme. Ein goldenes Seidentuch verhüllte Scham und Brust, in der eine tiefe Narbe im Herzen seit Langem schmerzte. In jungen Jahren wurde sie von ihrer Jugendliebe getrennt, kurz vor der Hochzeit, da ihn die Königsfamilie, auf Druck des Kronrates, für unwürdig erklärt hatte. Trotz dieser einschneidenden Erfahrung hatte sie sich ihr mädchenhaftes Lächeln bewahren können. Im Gegensatz zu damals ertrug sie das nun von ihr geforderte Opfer recht tapfer. Um des Friedens willen hatte sie der Heirat mit Simhavarman IV. eingewilligt, sofern der auch zustimmt. Je näher der Tag rückte, desto trauriger wurde sie.
Simhavarman IV. herrschte eigenständig über die Küstengebiete an der Südchinesischen See und musste dafür hohe Tribute an Angkor berappen. Er war unberechenbar, stets auf seinen Vorteil besinnt, dennoch kein Kriegstreiber.
Vor den Toren des Königspalastes in Champa
Mit einem Schaudern bemerkte Narith, dass ihm bereits jemand zuvorgekommen war. Eine Sänfte mit dem Wappen von Phnom Penh stand vor dem Palasttor. Eine direkte Konfrontation mit dem Anführer des Südheeres hatte er um jeden Preis verhindern wollen. Nun war dies unvermeidbar. Etwas erleichtert stellte Narith fest, dass er noch rechtzeitig vor Beginn der Verhandlungen im Thronsaal eintraf. Kosal wartete allein auf den Champa-König. Verblüfft von der unerwarteten Begegnung begrüßten sie sich mit einem respektvollen Lächeln.
»Es wird Zeit zu handeln, bevor es zu spät ist!«, sagte Kosal. »Euer erhabener Bruder wird von tyrannischen Generälen bevormundet. Wir müssen eine Diktatur des Heeres verhindern.«
»Und durch eine neue Streitmacht ersetzen?«, antwortete Narith entrüstet. »Oudom ist ein verdienter Kämpfer. Er hat den Umsturz treu unterstützt, hierfür gebührt ihm der Dank des Reiches.«
»Habe ich mich eben verhört?« Simhavarman IV. trat hinter einer Säule hervor. »Der erlauchte Gottkönig unterwirft sich dem bestechlichen Familienclan der Borans?«
Narith schüttelte den Kopf. »Mein Bruder verfolgt elysische Ziele. Die Streitmacht sorgt für Schutz und die Mönche hüten das Sakrale. Wir streben danach, die göttliche Befehlsgewalt zum Wohle der Menschen zu nutzen.«
Kosal legte die Handflächen ineinander. »Oudom untergräbt den Willen des Königshauses und gefährdet den Fortbestand der Götterstadt. Das Bündnis mit Champa soll ein Gleichgewicht der Kräfte schaffen. Mit vereinigtem Heer können wir den Boran-Clan stürzen.«
Des Champa-Königs Stimme klang wie eine Fanfare. »Bevor es dazu kommt, muss ein Friedensvertrag unterzeichnet werden. Tyrannen gefährden die Freundschaft unserer beiden Königreiche. Allerdings soll das Blut meiner Soldaten meinem Reich die Freiheit bringen. Nie mehr wird Champa Abgaben an Angkor verrichten. Die Zeiten der Unterjochung sind ein für alle Mal beendet.«
Narith sammelte seine Gedanken. »Zunächst müssen wir versuchen, eine offene Schlacht zu verhindern. Einige Spezialeinheiten sollten genügen, um den Boran-Clan in Schach zu halten.«
»Was schwebt Euch vor?«, fragte Kosal.
»Die Palastwache ist auf den Putschversuch vorbereitet. Erfahrene Soldaten, als Hofdiener in den Königspalast eingeschleust, können im Notfall zusätzlich als Überraschungsmoment eingreifen.«
Simhavarman IV. wandte sich ärgerlich an Kosal. »Die Bedingungen für unser Bündnis waren doch längst ausgehandelt. Nun auf einmal die Kehrtwende. Ist das ein dreister Versuch, mich zu hintergehen?«
»Verzeiht«, sagte Kosal. »Der Kronprinz war nicht eingeweiht. Er verkennt den Ernst der Lage.«
Simhavarman IV. prüfte Narith mit seinem Stechblick. »Ein Überraschungsangriff verspricht einen schnellen Erfolg. Ich habe diese Entscheidung tiefgründig abgewogen. Daran gibt es nichts mehr zu rütteln.«
»Blutvergießen erzürnt die Götter. Besänftigen wir sie mit Liebe. Bitte geduldet Euch einen Augenblick.«
Narith eilte in den Schrein, in dem seine Schwester auf ihn wartete.
»Das Schicksal liegt in deiner Hand. Du bist die letzte Hoffnung für Frieden.«
Tränen sammelten sich in Sovannas Augen. Ihre Stimme klang süßsauer, wütend und trotzdem erhaben.
»War es nicht genug, mir die Beziehung mit dem einzigen Mann zu verbieten, den ich je geliebt habe? Mein Herz ist an jenem Tag zerbrochen. Nun wird auch noch von mir verlangt, mich diesem Widerling anzubiedern?«
»Es ist das Los einer Prinzessin, ihr Leben der Pflicht gegenüber dem Reich zu opfern.« Narith umarmte seine Schwester. »Was ich nun von dir verlange, ist viel. Du musst Simhavarman verführen wie eine Dirne. Gleichzeitig aber trotzdem die stolze und mächtige Königstochter Angkors geben, ihn locken und missachten. Unsere Halbschwester Chantrea ist die Meisterin der Versuchung. Kannst du einmal so sein wie sie? Du bist die schönste Frau auf Erden, nutze diese unschlagbare Waffe.«
Sovanna schenkte ihm ein bitteres Lächeln, bevor sie bedächtig in den Thronsaal schritt. Während Simhavarman IV. sie ansah, entfaltete sie ihr unverwechselbares Mädchenlächeln.
Kosal empfing die Prinzessin mit Spott. »Euer Verhalten ist unangebracht. Ihr biedert Euch an wie eine Hure. Ihr steht vor dem erhabenen König von Champa, nicht vor einem kleinadligen Prinzen.«
»Hütet Eure gespaltene Zunge!«, fauchte Sovanna.
Kosal grinste höhnisch. »Hier geht es um das Wohl Angkors und nicht um törichte Mädchenträume. Der Hof hätte damals lieber der Hochzeit mit diesem unreinen Gelehrten zugestimmt. Der hätte Eurem Rang entsprochen.«
Sovanna war auf alles vorbereitet, aber diese Bloßstellung brachte sie völlig aus der Fassung. Sie holte tief Luft, um einen Wutanfall zu unterdrücken.
Simhavarman IV. goss Öl ins Feuer. »Ich empfinde es als dreiste Täuschung deines Bruders. Du bist meiner nicht würdig. Nun zieh dich zurück und richte Srindravarman Folgendes aus: Meine Streitmacht wird ihn vom Joch der Borans befreien!«
Sovanna stemmte ihre Hände in die Hüften. »Ein Kleingeist an der Spitze eines Vasallenreiches schreit nach Krieg? Blut tropft von den Pranken der Tyrannen, die den Frieden verabscheuen.«
Simhavarman IV. war sichtlich überrascht vom forschen Ton der Prinzessin, die nun auf die runde Tafel stieg, um die sie saßen. Sie stellte sich vor Kosal und hob ihre Fußsohle an sein Gesicht. Die größtmögliche Demütigung für einen Angkorianer. Der Kopf ist heilig und unantastbar. Füße gelten als unrein. Ein Extrem. Sovanna berührte mit ihrem Zeh Kosals Nase und drückte ihm ihre Sohle auf den Mund.
»Wage es niemals wieder, eine Prinzessin zu erniedrigen! Ihr als selbst ernannter Verfechter der göttlichen Ordnung müsst mir widerspruchslos gehorchen.«
Sovanna drehte sich langsam um die eigene Achse. Nun stand sie mit breiten Beinen vor dem Champa-König, würdigte ihn aber keines Blickes, sondern reckte ihren Hals zur Seite. Eine Weile verharrte sie in dieser Pose. Dann riss sie sich ihr Gewand vom Leib.
»Und Ihr, König von Champa, wagt es, einer Prinzessin von Angkor zu widerstehen?«
Simhavarman IV. war angetan von ihrer Schönheit, ihrem Mut und ihrem Stolz. Ein Schelm würde behaupten, aufreizender Blutdruck im Schritt blockiere die Fähigkeit des Gehirns, logisch zu denken, und erwecke animalische Instinkte.
Sovanna kehrte bald nach der Heirat zurück nach Angkor-Stadt. Der Champa-König hatte sie in seinen Harem übergeben, ihr aber gestattet, in ihre Heimat zurückzukehren, sofern sie ihn regelmäßig besucht, um den Schein zu wahren. Die Hochzeit stärkte Srindravarman, ein Krieg war vorerst abgewendet. Der Boran-Clan war sich bewusst, dass fortan ein großes Heer auf des Gottkönigs Seite war, auf das er keinen Einfluss hatte. Es herrschte wieder ein Gleichgewicht zwischen den militärischen Streitkräften. Aufgrund der Dreiecksbeziehung widersprüchlicher Interessen, ein brüchiger Frieden, aufgebaut auf Täuschung und Trug.
Kosal und Davuth trafen sich zu einer Geheimsitzung in Phnom Penh.
»Srindravarman hat mit der Heirat einen brillanten Zug getätigt«, sagte der Pate. »Das gewährt dem Südheer seine Unabhängigkeit. Was wollt Ihr denn noch mehr?«
»Der Boran-Clan muss beseitigt werden, bevor sie uns zuvorkommen. Vorausdenkendes Handeln ist die Pflicht eines Generals, ansonsten ist der Krieg verloren.«
»Seid ehrlich, Kosal. Ihr strebt doch nur selbst nach Oudoms Posten.«
»Das bestimmt allein der Gottkönig. Mein Auftrag ist es, die bestehende Ordnung zu schützen.«
»Vermutlich plant Ihr einen Anschlag«, knurrte Davuth. »Tut, was Ihr für richtig haltet, aber ohne mich!«
Kosal strich sich mit dem Finger über den Hals. »Eine Spezialeinheit wird Oudom und Ponleak enthaupten. Für die Zukunft unseres Reiches.«
Davuth war unerfreut. Er hatte längst seine Zurückhaltung in der Heeresrevolte beschlossen und wollte nicht frühzeitig zwischen die Fronten geraten, sondern abwarten, welche Seite letztlich gewinnt. Er machte sich wieder auf die ungeliebte Schiffsreise nach Angkor und warnte den Gottkönig vor dem geplanten Mordanschlag. Zum Lohn erhielt Davuth einen königlichen Titel. Eine Ehre, die ihn unerwartet in Schwierigkeiten brachte. Denn es schürte Misstrauen beim Boran-Clan und auch Kosal wunderte sich über die plötzliche Beförderung des Paten.
Währenddessen spitzte sich die Lage im Königspalast zu. Der Machtkampf zwischen der Elite verhärtete sich. Einige Jungprinzen unterstützten heimlich den Aufstand gegen die Heerführer. Dank ihrer Mithilfe gelang es Kosal, Spezialeinheiten am Königshof einzuschmuggeln.
Am Verhandlungstisch
Oudom enthüllte unverblümt seine Absichten.
»Die künftige Verfassung muss auf drei Säulen aufgebaut werden, die eigenständig die Ordnung gewähren. Krone, Religion und Armee. Deshalb fordere ich die alleinige Befehlsgewalt über die Streitmacht. Das werde ich notfalls mit Waffengewalt durchdrücken, denn es dient dem Wohle des Königreichs.«
»Soll dies eine Drohung sein?«, brüllte Narith.
Arun, ältester und oberster Mönch, versuchte zu beschwichtigen. »Der Mönchsrat ist der Hüter der Lehre des Buddhismus. Aus politischen und militärischen Angelegenheiten halten wir uns heraus.«
Der Ratsälteste mischte sich ein. »Der Hohe Rat billigt die Verfassungspläne von Oudom. Es ist nur gerecht, die Macht auf drei Schultern zu verteilen.«
Narith schwenkte seinen Nacken übertrieben langsam von links nach rechts, nach unten und oben und umgekehrt. »Verworrener Wendehals! Männer, die ihre Meinung ändern wie der Wind seine Richtung, würden auch ihre eigene Tochter verkaufen, wenn es ihnen einen Vorteil verschafft.«
Hasserfüllte und leere Augen. Die direkte Ansprache und das Nennen der Wahrheit erzeugten die gewünschte Wirkung. Der Ratsälteste strampelte mit den Füßen und grunzte unverständliche Worte. Es folgten wirre Anschuldigungen, völlig aus dem Zusammenhang gerissen.
Narith nutzte die Situation eiskalt aus. »Er ist dem Wahnsinn verfallen. Wachen! Bringt den Alten in ein Hospital.«
Im Thronsaal
Oudom, Ponleak, Arun und Narith knieten vor dem Thron. Der Gottkönig sprach mit ernster Miene.
»Das Feilschen um Paragrafen gefährdet den inneren Frieden. Erinnern möchte ich nachdrücklich an den Schwur, den ihr geleistet habt. Über den drei Säulen Krone, Religion und Armee regiere einzig ich, der von den Göttern dazu Berufene.«
Oudom stieß Ponleak mit dem Ellenbogen in die Rippen, der kroch darauf vor den Thron.
»Es ist meine Pflicht, mich von den Verhandlungen zurückzuziehen. Meinem älteren Bruder gebührt das alleinige Stimmrecht.«
Srindravarman deutete ihm mit einer Handbewegung an, sich zu verabschieden. Ponleak beugte sich noch tiefer und küsste dreimal den Boden zu Füßen des Gottkönigs. Dann robbte er rückwärts aus dem Thronsaal. Er hielt Ausschau nach allen Seiten, um sicher zu sein, dass ihn niemand verfolgte. Über Umwege ging er ins Hauptquartier der Generäle, die alle dem Boran-Clan angehörten. Zu seiner Verwunderung saß der Ratsälteste mit am Tisch.
»Wie kommt Ihr denn hierher?«, fragte Ponleak.
Der Ratsälteste ballte die Faust. »Das spielt jetzt keine Rolle. Wir müssen handeln, bevor die neue Verfassung uns alle entmündigt. Die Streitmacht muss ausrücken und die Königsstadt besetzen.«
Ponleak nickte zufrieden. »Dann sind wir uns ja einig. Die Putschtruppen sind einsatzbereit.«
»Trotzdem sollten wir auf der Hut sein. Die Palastwache überwacht jeden Einzelnen von uns. Narith ist listiger als vermutet.«
»Ihr habt den Kronprinzen unterschätzt!«, sagte Ponleak, um dem Ratsältesten einen Seitenhieb zu verpassen. Er schickte einen Boten zur Kaserne, um den Putschoffizieren den Befehl zum Ausrücken zu erteilen.
Auf der Terrasse des Lepra-Königs
Die königliche Leibgarde vollzog die öffentliche Parade zur Wachablösung. Im Gedränge der Schaulustigen verteilten sich Nariths zivile Spezialeinheiten in und um den Königspalast. Weitere Einheiten der Palastwache bezogen Stellung nahe den vier Haupttoren und zwischen den vierundfünfzig Türmen mit meterhohen Gesichtern im Bayon-Tempel.
Obwohl Kosal den Platz überschaute, bemerkte er die ungewöhnlichen Bewegungen der Leibgarden nicht. Auch er hegte die Absicht, den Trubel um die Wachablösung auszunutzen, um den Mordanschlag auf den Boran-Clan durchzuführen. Er teilte fünfzig Krieger in zwei Gruppen auf. Eine marschierte direkt auf das Hauptquartier der Generäle zu.
Kosal selbst führte die übrigen Soldaten im Gleichschritt durch die Palasttore. Mit gezogenen Säbeln stürmten sie den Thronsaal und umstellten die Tafel. Kosal stellte sich hinter Oudom und hielt ihm seine Klinge an den Hals.
In der Kaserne
Unruhe unter den Putschoffizieren. Spione hatten eben vom Einmarsch Kosals in den Königspalast berichtet. Der Hauptmann war ein Vetter Oudoms, der den Putsch als persönliche Aufstiegschance sah.
»Das riecht nach einer Verschwörung«, sagte er. »Schickt sofort einen Boten zum Hauptquartier der Generäle.«
Der Hauptmann zerplatze innerlich an dem Druck, die Verantwortung zu tragen. Nun musste er sich zeigen, nur fehlte ihm der Mut, darum versuchte er es indirekt.
»Im Krieg kommt es zu unvorhersehbaren Umständen. Das erfordert angepasstes Handeln. Gegebenenfalls wider des ursprünglichen Befehls. Wir müssen die Truppen aufmarschieren lassen. Stimmt ihr mir zu?«
Knisternde Stille. Einzig die Gesichtsausdrücke der Offiziere verrieten tiefe Ablehnung, was der Älteste unter ihnen zum Ausdruck brachte.
»Wir sind hier in keinem Krieg, ja, noch nicht mal in einer Schlacht. Hört auf mich, auch wenn Ihr den höheren Rang innehabt. Euer Onkel würde Euch dieses eigenwillige Verhalten niemals verzeihen, denn er fordert absolute Treue.«
Der Hauptmann beugte sich dem Rat, ohne sich endgültig geschlagen zu geben. Er zündete eine Kerze an.
»Sollte der Bote nicht vor dem Erlöschen der Flamme zurückkehren, werde ich den Aufmarsch befehlen.«
Diesmal knisterte schmelzendes Wachs.
Im Thronsaal
Ruhe vor dem Sturm. Narith kniete mit dem Rücken zum König vor dem Thron. Srindravarman hielt sich den Finger vor den Mund. Kosals Einheit bildete einen Kreis um ihren Anführer. Kosal bedrohte Oudom noch immer mit dem Säbel. Die Stille verunsicherte ihn merklich. Schatten neben und hinter den Säulen. Dreizehn Bogenschützen traten aus dem Säulenrundgang hervor. Während sie ihre Pfeile auf die Rebellen schossen, stürmte eine Hundertschaft der königlichen Leibgarde den Saal. Kosal ließ seine Waffe fallen und hob die Arme. Die Palastwache massakrierte seine Spezialeinheit. Das Schicksal stand kopf. Oudom sprang auf und zückte sein Schwert und erstach seinen Widerpart; verkehrende Kraft der Rache. Srindravarman verlor seinen treuestens untergebenen General. Das Südheer war führerlos, die Waage des Gleichgewichts der Streitkräfte drohte zu kippen.Im Hauptquartier der Generäle
Der Bote war noch nicht wieder zurückgekehrt. Ein im Königspalast stationierter Spion berichtete von Kosals gescheitertem Mordanschlag auf den Boran-Clan.
Der Ratsälteste forderte ihn auf, die Putschoffiziere aufzusuchen und umgehend mit einem Lagebericht zurückzukommen.
Ponleak widerrief den Befehl. »Es wäre strategisch unklug, weitere Männer zu schicken, bevor wir nicht wissen, was mit dem ersten Boten passiert ist.«
Der Ratsälteste starrte mit hasserfülltem Blick ins Leere, seine Halsschlagader drohte zu platzen.
Ponleak nahm dies mit einem Grinsen zur Kenntnis. »Euer merkwürdiges Zittern ist beunruhigend. Vielleicht solltet Ihr Euch doch im Hospital untersuchen lassen.«
»Narith hat meine Schwäche ausgenutzt. Ja, es macht mich krank, wenn Jüngere es wagen, mir zu widersprechen. Solch kurzsichtiges Handeln gefährdet die Zukunft des Reiches. Es ist empörend und verachtend, wie ich behandelt werde. Ich bin älter und weiß alles.«
Ponleak wollte antworten, dass der Rang höher steht als das Alter, beließ es aber bei einem süffisanten Schmunzeln. Er ging aus dem Saal. Kurz darauf kam er zurück, auf seiner Schulter saß ein Falke.
»Achtet auf sein glänzendes Federkleid. Alt und Jung schauen auf zu ihm, wenn er sich in die Luft erhebt.«
Ponleak schrieb vier Worte auf ein Palmblatt und rollte es zusammen. Er wickelte eine Schnur darum und knotete eine Schleife, die er um den Greifer des Vogels festzurrte.
»Aus Fehlern lernen. Als ich ein Jüngling war, hatte ich Brieftauben. Eines Tages griff ein Raubvogel eine an und schnappte sie sich. Aus diesem Grund verwendet die Armee seither Falken, um Luftbotschaften zu verschicken.«
»Was, wenn der Feind das Tier einfängt oder erlegt? Habt Ihr daran auch gedacht?«, fragte der Ratsälteste.
Ponleak küsste den Falken auf den Kopf. Der breitete seine Flügel aus und schwang sich in die Lüfte.
»Die Würfel sollen fallen. Vier Worte, die den klaren Befehl zum Aufmarsch der Truppen erteilen, ohne dass ein Nichteingeweihter es versteht.«
In der Kaserne
Die Putschoffiziere gingen unruhig auf und ab, schauten dabei immer wieder durch den Türschlitz auf den Kasernenhof. Der Hauptmann starrte gebannt auf die Flamme der Kerze, die nun erlosch.
»Erteilt den Angriffsbefehl.«
Stramm standen die Offiziere. »Jawohl!«
Auf einmal blickten alle gleichzeitig nach oben. Obwohl sie nur das Palmblattdach von unten sahen, hörten sie deutlich den Ruf des Falken. Ein Diener trat vor das Tor. Der Falke kreiste dreimal krächzend über die Kaserne. Im Sturzflug schoss er auf ihn zu, breitete die Flügel aus und landete sanft auf seiner Schulter.
Der Hauptmann rollte die Botschaft aus und las sie laut vor. Wie an einer Schnur gezogen griffen die Offiziere nach ihren Fanfaren. Da hob der Älteste unter ihnen beide Arme.
»Wir sind im Krieg. Jetzt ist Besonnenheit die siegbringende Waffe. Bevor wir in die Schlacht ziehen, müssen wir uns sammeln. Stärken wir zuerst den Geist, indem wir einen Augenblick innehalten.«
Der Hauptmann wollte aufbegehren, jede Sekunde zählte, aber die mahnenden Blicke der übrigen Offiziere ließen ihn verstummen. Widerspreche nicht, bloß weil du ein Boran bist. Gehorche, unerfahrener Jungspund, so die Botschaft.
Im Thronsaal
Srindravarman sann nach einer Lösung, die durch Kosals Tod entstandene Machtlücke zu füllen. Es galt, Oudom zu demütigen, um ihn am Ende doch zu begnadigen. Ohne eine Strategie gefunden zu haben, besann sich der König auf seinen ersten Gedanken.
»In treuer Pflichterfüllung habt Ihr den rebellischen Anführer des Südheeres bestraft.«
»Hat Eure Heiligkeit schon einen Nachfolger im Sinn?«, fragte Oudom, um mit einem schmierigen Tonfall auf einen seiner Brüder hinzuweisen. »Ich wüsste da ja einen geeigneten Mann.«
»Ich habe meine Wahl bereits getroffen«, fuhr der Gottkönig dazwischen. »Ich werde Kosal II. zum Heeresanführer ernennen. Möge er von den Fehlern seines Vaters lernen.«
Gefangen im Schleim der Scheinheiligkeit. Oudom zwang sich ein Lächeln ab. Narith legte das Pergament mit der neuen Verfassung aus, die seinem Vater die Allmacht einräumt. Mit allen Wassern gewaschen, Oudom war ein eiserner Diplomat, kniete er vor Srindravarman nieder und küsste ihm die Füße.
»Bitte gewährt mir ein wenig Bedenkzeit. Meine Pflicht ist der Schutz des Reiches und der Monarchie. Bisher hatte ich an die Eigenständigkeit der drei Säulen geglaubt, um Eure Erhabenheit zu entlasten.«
Narith, der hinter ihm stand, steckte sich zwei Finger in den Mund und würgte. Srindravarman nahm es mit einem Augenblinzeln zur Kenntnis.
»Geehrt sei der, der seinen Verstand gebraucht«, sagte er. »Es sei Euch eine Stunde gegeben, um Eure Gesinnung zu überprüfen.«
Oudoms Puls senkte sich. Meine Putschtruppen werden bald einrücken, dann wendet sich das Blatt zu meinen Gunsten, dachte er.
Königliche Spezialeinheiten durchkämmten jeden Winkel des Palastes und umstellten das Hauptquartier der Boran-Generäle. Nachdem alle strategisch wichtigen Punkte besetzt waren, gaben drei Paukenschläge das im Thronsaal schon sehnsüchtig erwartete Zeichen der Entwarnung. Srindravarman erhob sich. Narith und Oudom knieten vor seinen Füßen.
»Es wird weitreichende Reformen innerhalb der Armee geben. Sobald die tiefgreifenden Veränderungen sich verselbstständigen, erhaltet Ihr die Verantwortung für mein Heer zurück.«
Oudom belächelte ihn innerlich, so kindlich erschien ihm das Verhalten des Königs. Bald, schneller als du dein Gewand wechselst, wirst du meine Marionette sein, dachte er, während er mit der Zunge über seine schrägen Vorderzähne fuhr.
In der Kaserne
Der älteste Offizier beendete seine Segenssprüche. Knapp eintausend Soldaten rückten in Reih und Glied auf, aufgeteilt in acht Einheiten. Dazu kamen Hunderte Scharfschützen, ausgerüstet mit Bogen und Blasrohren. Alles Einzelkämpfer, aufeinander abgestimmt, an strategisch bedeutsamen Orten verteilt aus dem Hintergrund ihre Giftpfeile abzuschießen. Stramm standen die Krieger. Der Hauptmann hielt das Sprechrohr vor den Mund.
»Die Stunde des Kampfes ist gekommen. Wir sind hier, um das Vaterland zu verteidigen. Vereint entfachen wir das heilige Feuer der militärischen Werte, um die Verräter zu besiegen.«
Tausende Soldaten salutierten. »Blut und Ehre für unser Heimatland.«
Im Königspalast
Die Zeit lief gegen Oudom. Mit großer Mühe verbarg er seine innere Anspannung. Srindravarman erlaubte ihm, sich in einen Schrein zurückzuziehen. Oudom war dazu verdammt, tatenlos abzuwarten. Die Ungewissheit machte ihn verrückt. Misstrauen gegenüber Ponleak und fehlendes Vertrauen in seine Generäle zermürbten ihn. Lange konnte er die Unterschrift unter die Verfassung nicht mehr hinauszögern.
Im Thronsaal
Ein Offizier der Leibwache erstattete Bericht.
»Fünfzig Rebellen wurden bisher gefasst und enthauptet. Die Königsstadt wurde gezielt durchkämmt. Die Lage ist entspannt und ruhig.«
Narith dankte mit militärischem Gruß. »Verlegt die Einheiten der Palastwache vor die Stadtmauern und bewacht die Tore! Die Leibgarde hält ihre Stellung in und um den Königspalast.«
Srindravarman blieb wortlos, bis der Offizier wieder fort war. Nun sprach er leise, fast flüsternd.
»Die Kunst wird nun sein, Oudom so zu behandeln, damit er sein Gesicht wahrt und dennoch verliert, aber aus Eigeninteresse in unserem Sinne handelt.«
»Es ziemt sich zwar nicht, meinem älteren Bruder zu widersprechen. Trotzdem, ich würde den Boran-Clan ausrotten.«
»Die Folgen sind unberechenbar. Das Heer ist auf Oudom ausgerichtet. Ohne ihn zerfällt die Ordnung und es drohen Machtkämpfe innerhalb der Armee. Halte dir deinen ärgsten Feind am nächsten, dann hast du ihn unter Kontrolle.«
Narith wollte sich niederknien, doch Srindravarman hielt ihn an der Schulter fest. »Du bist mein Bruder und nicht mein Untertan. Schau mir in die Augen, wenn du mit mir sprichst.«
»Vorauszudenken ist eine Stärke, die Ihr wie kein anderer beherrscht. Eure Weisheit hat meine Bedenken zerstreut.«
Im Schrein
Oudom widerstrebte es, sich dem Schicksal zu ergeben. Der Militärputsch sollte einzig dazu dienen, seine Verfassungspläne durchzusetzen. Würde die Armee die Königsstadt besetzen, nachdem er die Verfassung unterschreibt, wäre dies gleichbedeutend mit der Entthronung des Gottkönigs. Ohne dies jemals beabsichtigt zu haben, war er nun bereit, die totale Machtübernahme zu befehlen und selbst über Angkor zu herrschen. So richtig wohl fühlte er sich dabei nicht, denn es würde die bisherige Ordnung umstoßen und damit am Fundament der Hochkultur rütteln. Der dreifache Ruf des Falken beendete Oudoms Gedankenspiele. Endlich war es so weit: Sein Heer rückte aus.
Ende der Leseprobe