Leseprobe
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Wiederkehrender Lauf der Gestirne, Ursprung unserer Vorstellung von Zeit. Endlich ist das Zeitliche, bald werde ich meinen Töchtern wiederbegegnen, die mich am anderen Ufer erwarten, dachte die Älteste. Niemand wusste von ihrem Traumgesicht. Die Älteste wollte das anstehende große Fest nicht trüben.
Wind pfiff durch die Ritzen der Lehmhütte, zischend wie eine gereizte Schlange. Ein Feuer loderte im Ofen. In der Nacht vor der Sonnenwende rissen Mädchenschreie die Älteste aus dem Schlaf. Hatte sie geträumt?
Dreimal klopfte es an der Tür, die sich knarrend öffnete. Eine kleine Gestalt trat hervor und warf einen Schatten, der bis ans Bettlager der Ältesten reichte.
»Was unterscheidet einen Traum von einem Gesicht?«, fragte eine aufgeregte Mädchenstimme.
»Martha, du zitterst ja. Setz dich zu mir und trink einen Schluck Wurzelbitter. Das beruhigt.«
Entsetzen in Marthas unschuldigen Augen. Das zierliche Mädchen war aufgewühlt. Ihr sonst so frech grinsender Schmollmund schlotterte.
»Es hat sich angefühlt, als passiere alles wirklich. Selbst wenn ich wach bin, sehe ich die Traumbilder lebendig vor mir.«
Die Älteste umfasste Marthas Hände. »Jedes Traumgesicht enthält Zeichen, die wir deuten können. Erzähle mir jede Einzelheit, schön der Reihe nach, von Anfang bis Ende.«
»Ein gefiederter Drache, vielleicht auch eine Schlange, speit einen Feuerball vom Himmel. Flutwellen zerstören fast alle alten Stätten. Die Erde erwärmt sich, Eisberge schmelzen. Langsam versinken riesige Landmassen in den stetig ansteigenden Weltmeeren. Viele Tiere sterben aus, obwohl die Wälder wachsen und einst trockene Steppen ergrünen. Der Mensch überlebt, wenige Gelehrte kennen noch das Sternenwissen der Ahnen. Tierkreiszeichen verwandeln sich in dämonische Götter. Doppelzüngige Priester erheben sich zu Gottkönigen. Blut von geopferten Kindern trieft vom Altar, darauf thront der Gehörnte in Stiergestalt, dessen Hohepriester vom Tempel aus die Städte regieren.«
Martha sah die Ältere an, als suchte sie nach einem Zeichen, weiterzuerzählen.
»Ein erleuchteter Weiser aus Südosten lehrt den ewigen Kreislauf wiedergeborener Seelen und erweckt das Bewusstsein. Gelehrte sammeln das Ahnenwissen und halten es in Büchern fest. Philosophen befreien den Geist. Die alten Götter stürzen aus dem Olymp. Eine aramäische Lichtgestalt lehnt sich auf gegen die Fesseln der Hohepriesterschaft. Seine Botschaft vom Aufstieg der Seele köpft die gefiederte Schlange, jedoch schnürt ihr Körper weiterhin die Welt ein. Die Schlangenbruderschaft verwandelt sich und stickt sich ein Kreuz aufs Gewand. Päpste trinken das vergiftete Blut verkehrter Lehren und predigen mit gespaltenen Zungen.«
Martha atmete tief durch.
»Pferdegetrappel, entsetzliche Schreie brennender Menschen. Bücher in Flammen. Gelehrte auf dem Scheiterhaufen. Plötzlich stehe ich selbst im Zentrum des Traums. Vermummte Reiter umzingeln mich. Beim Anblick ihrer bluttriefenden Schwerter stoppt mein Atem. Die Welt verdunkelt. Blut läuft aus meiner Scheide, immer wiederkehrender Schmerz. Nach und nach entwische ich dem Albtraum. Ein Mann erscheint aus dem Nichts. Angeblich wäre er den Sternen gefolgt und habe die ganze Welt bereist. Ohne mein Schicksal zu kennen, spüre ich, wie eine Vorsehung sich erfüllt.«
Anfangs verwundert, am Ende erschüttert, hörte die Älteste zu. Martha war noch viel zu jung, um zu begreifen, was für ein Leidensweg ihr auferlegt war.
»Deine wahre Bestimmung wird dir aufgetragen, nachdem der Sinn der dreizehn Tierkreiszeichen entschlüsselt ist, der die Umkehrung der Sternenlehre offenbart. Listig verkehrt die Schlangenbruderschaft Wahrheit in Lügen und vergiftet das Erbe der Urahnen. Fürchte dich nicht vor der gefiederten Schlange – denn ihre Macht wirkt nur auf Erden, verpufft aber im All.«
Zwanzig Ordensschwestern streiften ihre Gewänder ab. Sie bildeten einen Kreis um die Figur der Urmutter. Gespreizt die Schenkel, prall die Hüften, üppige Hängebrüste; volle Lippen, betörend, aber nicht derb. Die kindshohe Marmorfigur stand inmitten eines Achtecks aus Kerzen, davor kniete die Älteste.
Die Sonne stieg auf über den Hügeln und schien genau durch die zwei überkreuzten Holzpfähle am Osttor. Ihr Licht fiel direkt auf die Statue.
So beeindruckend das Schauspiel auch war, Martha missfiel das Anbeten von Steinen. Von Menschenhand geschaffene Symbole vereinen Stämme, aber sie entzweien die Völker.
Ziegen scharrten mit den Hufen. Die Sonne stand über dem Holzkreuz. Ein stumpfes Geräusch stoppte das Gebell eines Hunds.
Entsetzliches Gebrüll. Im Gleichschritt stampften vermummte Krieger auf die Schwestern zu und umzingelten sie.
Die Nonnen bedeckten ihre Brüste mit den Armen und bückten sich nach ihren Kleidern. Die maskierten Angreifer drängten sie wieder zurück.
Der Anführer schritt mit gezogenem Schwert auf die Figur der Urmutter zu. Er trennte ihr mit einem beidhändigen Hieb den Kopf ab.
Die Älteste kniete vor der zerstörten Statue. Sie zitterte. Ihr immer wiederkehrendes Traumgesicht hatte sich erfüllt.
»Das sind die eindeutigen Zeichen, genau wie von den sternengelehrten Ahnen weisgesagt. Das Kreuz übernimmt die Alleinherrschaft über den Norden, ein Prophet eint den Süden. Die Zeit der Wende ist nah. Eine Epoche des Schreckens beginnt.«
Ohne Zögern schlitzte der Anführer der Ältesten die Kehle auf. Röchelnd und mit geöffnetem Mund und aufgerissenen Augen sackte sie auf ihren Rücken.
Martha kniete sich zu ihr. Sie versuchte, das strömende Blut mit den Händen zu stoppen. Die Älteste ergriff ihre Hand. Obwohl ihr das Blut aus der aufgeschlitzten Kehle schoss, flüsterte sie Martha klare Worte zu.
Der Anführer stieß Martha mit einem Fußtritt zur Seite.
»Tötet die heidnischen Ketzer!«
Blutverschmiert und verängstigt krabbelte Martha hinter eine Eiche am Bach. Sie lugte durchs Schilf und hörte, trotz zugehaltener Ohren, die verzweifelten Schreie der Nonnen.
Die Krieger stapelten Bücher und Schriftrollen auf Heuballen, darauf legten sie die Toten.
Splitternackt und verwirrt hastete Martha einen Bergpfad hinauf. Eine rauchende Feuersäule stieg aus dem Tal auf. Ihre Siedlung stand in Flammen.
Marthas Herz brannte. Wehmütig gedachte sie der Worte der Ältesten, die sie ein wenig trösteten. Jäh unterbrach das Trampeln von Pferdehufen ihre Gedanken. Die Reiter rückten näher.
Völlig verzweifelt hinkte Martha in einen dichten Ulmenwald. Pferdegetrappel erschütterte den Waldboden. Auf dem Bauch kroch sie hinter einen Baum und lugte über eine Wurzel. Beim Anblick der blutverschmierten Gewänder musste sich Martha übergeben. Sie fiel in Ohnmacht.
***
Rom
Kardinalpriester Gregor fühlte sich geehrt. Papst Paschalis I. hatte ihn zum moralischen Wächter ernannt, bevollmächtigt, sogenannte Ketzer zu exekutieren.
Gregor lehnte auf dem Holzpult in seiner Schreibstube. Sein Hofschreiber Larion tauchte gerade die Schreibfeder in ein Tintenfass, als Kardinal Hadrian aufgebracht in die Stube trat.
»Gottes heilige Krieger sind zurückgekehrt. Die Schwerter der Gerechten haben Luzifers Dienerinnen in die Hölle verbannt.«
Feierlich, mit ernster Miene, legte Gregor seine Arme auf Hadrians Schultern.
»Der Patriarch von Konstantinopel pflegt nebulöse Verbindungen zu einem Adligen namens Justinian. Und der ist vermutlich das Oberhaupt eines Geheimordens im Bukoleon-Palast. Er hat mächtigen Einfluss auf den Kaiser und unterwandert die Kirchenführer.«
Kardinal Hadrian wog seinen Kopf hin und her. »Konstantinopel befindet sich inmitten des Bilderstreits. Die Geistlichen sind in zwei Lager gespalten. Die Fronten erhärten sich zunehmend.«
Gregor stampfte mit dem Fuß auf. »Ich übertrage Euch eine streng geheime Mission. Hierfür stelle ich Euch eine Galeere und die Gottesreiter zur Verfügung. Dringt ein in den Bukoleon-Palast! Foltert Justinian und seine Anhänger so lange, bis sie alles beichten. Dann tötet ihr sie. Verstanden? Dieser Orden muss vernichtet werden.«
Kardinal Hadrian war bestürzt. »Ihr geht zu weit, Eure Heiligkeit. Justinian genießt hohes Ansehen unter den Gelehrten. Er unterstützt den Kaiser in diplomatischen Beziehungen mit den Arabern. Ich kenne ihn seit vielen Jahren.«
Gregor reagierte merklich erzürnt. »Justinian nutzt das Zerwürfnis innerhalb der Kirche und spielt beide Reihen gegeneinander aus.«
»Ohne einen Verräter wäre das unmöglich.«
»Justinian hat jahrelang einen Bischof erpresst, der als päpstlicher Mittler im Bilderstreit tätig ist.«
»Womit?«
Kardinalpriester Gregor hielt sich seinen Zeigefinger an die Lippen. »Der unselige Bischof hat eine Schwäche für blutjunge Knaben und Mädchen.«
Kardinal Hadrian verzog die Mundwinkel. »Es erschließt sich mir nicht, weshalb der Heilige Vater diesem Kinderschänder traut.«
Kardinalpriester Gregor warf Hadrian einen verachtenden Blick zu.
»Jener Bischof mag in die Hölle verdammt sein. Dennoch, meine Späher bestätigten seine Aussagen bezüglich des Geheimordens. Die Ausrottung der scheinheiligen Adligen ist ein bedeutender Schritt zur Rückkehr der Eintracht. Misslingt Eure Mission, könnte es zur Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel kommen.«
***
Verzweigte Katakomben bildeten ein Labyrinth unterhalb von Rom. Einige unterirdische Räume dienten als spiritueller Mittelpunkt des Sofiamicus’: ein gnostischer Geheimorden, der über viele Generationen eine einzigartige Ansammlung von Wissen angehäuft hatte. Im Sofiamicus-Orden bedeutete Gnosis ›Wissen‹. Die Gnostiker waren keine Anhänger religiöser Lehren, sondern Gelehrte, die nach Erkenntnis strebten, die der Erfahrung entsprang. Ein Rat von dreizehn Gelehrten verwaltete die Bücher und Schriftrollen. Darunter in Aramäisch verfasste Evangelien, die aus den Jahren kurz vor Beginn der christlichen Zeitrechnung stammten.
Ratsältester Anicetus diskutierte mit Stellasus, einem Mitglied des Hohen Rates, dem das Anwesen über den Geheimgängen gehörte.
Kerzenlicht beschien Anicetus’ tiefe Falten und spiegelte sich in seinen grünen Katzenaugen. Schulterlange silberne Haare verdeckten sein knochiges Gesicht. Ein ergrauter Vollbart kräuselte sich bis an seine Brust. Er wirkte oft unheimlich, vor allem wenn er nachdachte, aber sein Lächeln hob seine Gelehrtheit hervor und seine Gesten waren stets vornehm.
Füllige Backen und heitere Gesichtszüge. Stellasus erinnerte mit seiner schwindenden weißen Haarpracht an eine Büste von Sokrates.
»Finstere Mächte ballen ihre Kräfte«, sagte Stellasus ruhig. »Noch beschützt uns das Verborgene.«
Anicetus runzelte die Stirn. »Vermehrt drängt sich die Frage auf, ob es nicht falsch oder gar feige ist, sich zurückzuziehen und die Dinge geschehen zu lassen. Ist in der Befehlsgewalt nicht auch die Möglichkeit enthalten, die Welt gerechter zu gestalten?«
Stellasus strich durch seine spärlichen Locken. »Soll der Sofiamicus etwa nach Weltmacht streben und ein Lügengebilde erschaffen, wie es Kaiser und Päpste tun?«
»Ihr seid der wahre Hüter der Gnostik!«, sagte Anicetus. »Ich dagegen verehre die Wissenschaften. Ihr dürft Euch den Entwicklungen der Gegenwart nicht völlig verschließen und Euch von der Wirklichkeit abschotten, ansonsten droht Euer Geist zu erstarren. Früher wart Ihr doch auch offen für andere Lehren und bereit für Veränderungen.«
»Astrumus wird bald in den Orden eingeweiht. Wie schätzt Ihr meinen Sohn ein?«, fragte Stellasus.
Anicetus schmunzelte. »Astrumus strebt danach, ein Sternengelehrter zu werden, aber er verachtet religiöse Anschauungen.«
Stellasus blieb gelassen. »Mein Sohn liebt die Sterne und verherrlicht die griechische Philosophie. Er wird zum Gnostiker heranreifen. Ich führe ihn geduldig an die Ur-Evangelien heran.«
Anicetus lobte den Fleiß und die Leidenschaft, mit der sich Astrumus der Sternkunde widmete. Er zweifelte aber an Astrumus’ bestem Freund.
»Sidus bereitet mir Kummer. Euer auserwählter Schüler ist ein Träumer. Zwar ist er durchaus begabt im schlüssigen Denken, aber er verschließt sich der höheren Mathematik. Sein Eifer in den Wissenschaften liegt weit hinter dem Eures Sohnes zurück.«
Stellasus zuckte mit den Schultern. »In Sidus schlägt das Herz eines Künstlers. Seine Mehrsprachigkeit befähigt ihn zum Übersetzer. Es steht noch in den Sternen, ob er jemals die Lehre des Sofiamicus’ verinnerlichen wird.«
Schritte in den Katakomben. Stellasus’ Diener trat in die Bibliothek.
»Larion, der päpstliche Hofschreiber, wartet im Gästezimmer. Er sagt, es wäre dringend.«
Anicetus und Stellasus begrüßten Larion im Herrenhaus mit einem Krug Wein.
Larion wirkte heiter, legte aber bald die Stirn in Falten.
»Die Botschaft wird Euch sehr schmerzen. Vermutlich seid Ihr die Hüter der letzten Ur-Evangelien. Es liegt an Euch, die Zeugnisse der Urchristen für die Nachwelt zu erhalten.«
Stellasus verschränkte die Arme über den Schultern. »Gestern hat uns ein völlig verwahrlostes Mädchen besucht und vom Überfall auf die Venusschwestern im griechischen Bergland berichtet. Reiter hätten die Nonnen hingerichtet und ihr Dorf abgefackelt.«
Larion sah Stellasus betrübt an. »Das ist wahr. Sollte der Papst von den aramäischen Evangelien in Eurer Bibliothek erfahren, dann ereilt Euch das gleiche Schicksal. Es wäre klug, wenn Ihr Euch mit der Kirche Roms verbündet und fortan unter päpstlichem Schutz als Geheimorden wirkt. Ich schlage Euch vor, ein scheinheiliges Bündnis einzugehen.«
Stellasus stellte seinen Weinkrug empört auf einem Lesepult ab.
»Niemals! Lehren mit dem Anspruch auf Alleingültigkeit errichten unüberwindbare Mauern in den Köpfen der Gläubigen. Dogmen blockieren die Logik im Verstand der Menschen!«
Anicetus nickte anerkennend. Er legte seine Hand auf Larions Schulter. »Wir haben bereits einen Plan ersonnen, der unser Erbe schützen soll. Zwei Schreiber übersetzen die aramäischen Schriftrollen ins Lateinische. Wir werden die Schriften verlagern und an geschützten Orten verteilen.«
Larion verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung. »Am besten, Ihr sammelt sie alle in einem Werk.«
Stellasus zwinkerte mit den Augen. »Das gibt es schon seit Jesuszeiten. Das Buch der Wahren Evangelien enthält die Philosophie Jesus, wie man sie ursprünglich lehrte, bevor die Kirche in Rom das Neue Testament verfälscht hat.«
Anicetus hob die Augenbrauen. »Vermutlich befindet sich das letzte erhaltene Exemplar in Konstantinopel.«
Stellasus und Anicetus blieben bedächtig in der Hausbibliothek zurück.
Anicetus’ Stirnfalten vertieften sich. »Tiefgreifende Veränderungen erfassen die Völker des Abendlandes. Die Vereinigung von Krone und Religion duldet keine anderen Lehren als die ihrigen. Wir müssen uns an die Zeiten anpassen und vorausschauend handeln. Ein Zweckbündnis mit dem Philoset Dehad wäre eine einmalige Gelegenheit. Wir kennen ihren Führer Justinian nun seit Dekaden. Er strebt zwar nach weltlichem Einfluss …«
Anicetus winkte abschätzend ab. Dann schenkte er Stellasus ein gutmütiges Augenzwinkern. »Aber er ist ein Gefährte aus Jugendjahren. Wir haben ja gemeinsam an der Akademie in Alexandria studiert. Trotz gegensätzlichen moralischen Haltungen hatten wir einen tiefgreifenden Gedankenaustausch.«
Stellasus blies in seine fülligen Backen. »Eher bekennt der Papst seinen Pakt mit dem Teufel! Justinian giert nach der Bibliothek unserer Brüder in Alexandria. Der Philoset Dehad ist der einzige Feind des dortigen Gnostiker-Ordens. Justinian darf niemals von unserer Schriftsammlung in den Katakomben erfahren!«
Anicetus wippte mit dem Kopf. »Ich teile Eure Verachtung für das Bündnis der machthungrigen Aristokraten. Dessen ungeachtet werde ich Justinian während meiner Reise nach Konstantinopel aufsuchen. Er könnte mir bei der Suche nach dem Buch der Wahren Evangelien weiterhelfen.«
Stellasus klopfte Anicetus auf die Schulter. »Nun gut. Es ist durchaus ratsam, die Beziehungen zu Justinian hier und da aufzuwärmen. Gebt auf Euch Acht. Den Führer als Freund zu bewahren, ist ein waghalsiges Spiel, das tödlich endet, sollte man dem Philoset Dehad im Weg stehen.«
»Verlasst Euch auf meine Erfahrung. Vor meiner Abreise lasse ich es mir nicht nehmen, Eurem Sohn noch eine Aufgabe zu erteilen, die ihn auf die Prüfung zum Sternenmeister vorbereitet.«
Anicetus lauschte eine Weile vor der Tür, die einen Spalt geöffnet war. Dahinter unterhielten sich Astrumus und Sidus, seine beiden Schüler.
Astrumus liebte die Naturwissenschaft. Schon als Knabe hatte er mit Wonne zahlreiche Bücher aus den Regalen des Vaters gelesen. Seine Gesichtszüge glichen denen von Stellasus. Im Denken aber war er nüchtern. Zahlen und Logik bestimmten seinen Drang, das Sein zu beleuchten. Er verachtete Religionen und suchte die Wahrheit in der Astronomie. Er war wohlbehütet aufgewachsen, abgeschottet von der rauen Wirklichkeit. Erst eine Begegnung vor einigen Jahren hatte Astrumus eine völlig neue Gedankenwelt eröffnet, der er sich vorher verschlossen hatte. Damals war Astrumus in einer sternenklaren Nacht auf einen Hügel gestiegen. Dort traf er auf Sidus, der staunend in den Nachthimmel blickte. Sidus hatte ihn darauf mit gebrochenem Latein begrüßt: »Die Sterne strahlen an jedem Ort gleich.«
»Das tun die Gestirne eben nicht!«, war Astrumus’ empörte Antwort.
Der Anfang eines tiefgründigen Gesprächs über Sternenkunde und der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft.
Der nüchterne Mathematiker begegnete dem schaffenden Träumer, was beide Seiten bereicherte. Einer belächelte das Streben des anderen, schätzte gleichzeitig dessen gegensätzliche Begabungen, die sich einander ergänzten.
Sidus stammte aus einer Künstlerfamilie. Er hatte einen alemannischen Großvater namens Gundamat. Der Bildhauer wurde einst ins ferne Indien beordert, um eine Marmorstatue für den dortigen König Dharmapala zu erschaffen. Der hatte sich in eine ihm von einem römischen Händler geschenkte Büste aus Gundamats Hand vernarrt. Verzaubert von der Schönheit und der Sinnlichkeit, die diese Statue ausstrahlte, ließ er nach dem Erschaffer suchen. So folgte einst Gundamat dem Rufe an den Hof von Dharmapala in der Stadt Nalanda. Dort verliebte er sich Hals über Kopf in Naksatra, eine der reizvollsten Töchter Indiens. Es wäre leicht nachzurechnen, wann sie die Kerzen in der ersten Liebesnacht löschten. Das Ergebnis kam neun Monate später in Form von Gunzo, Sidus’ Vater.
Gundamats Heimweh nach dem alemannischen Vaterland entfachte in ihm den Wunsch, ungeachtet der glücklichen Jahre in Indien, die weite Reise in Richtung Heimat anzutreten. Sohn Gunzo war dem Mannesalter nahe, als die Familie gen Germanien zog. Auf dem langen Weg in den Norden verweilten sie einige Zeit in Konstantinopel.
Ganz im Stil des Vaters verliebte sich Gunzo Hals über Kopf in die liebreizende Asteri, gebildete Tochter eines Gelehrten aus Ägypten. Ihre Mutter stammte aus einer byzantinischen Adelsfamilie. Inmitten der ersten Vollmondnacht in Alemannien, am Tag der Wintersonnenwende, beglückte Sidus das Paar.
Er wuchs auf am Lacus Brigantinus, einem riesigen See im Süden Germaniens, in der Heimat seiner Väter. Großmutter Naksatra machte ihn mit ihren Sprachen Pali und Sanskrit vertraut. Mutter Asteri unterrichtete Sidus im Griechischen in Wort und Schrift. Urgroßvater Vadomar brachte ihm das Fischen, Jagen und Überleben in der Natur bei. Vater und Großvater wiesen ihn in die Kunst der Bildhauerei und des Eisenschmiedens ein und lehrten ihn, das Schwert zu führen.
In späteren Jahren, als lohnende Aufträge für die Künstlerfamilie im Süden des Karolingerreichs weniger wurden, beschlossen sie nach Rom überzusiedeln. Sidus brachte sich das Lateinische mehr oder weniger selbst bei.
Die bemerkenswerte Gabe, dass Sidus vier Sprachen in Wort und Schrift beherrschte, veranlasste Stellasus, ihn als Privatschüler aufzunehmen. Sidus sollte nun auch das Arabische erlernen, was ihm in kurzer Zeit nahezu makellos gelang.
Ohne vom Orden des Sofiamicus’ zu wissen, wurden Astrumus und Sidus behutsam in die Traditionen und Bräuche eingeführt. Erst nach intensiver Einweisung und eingehender Prüfung durch alle Ordensmeister konnten sie dem Geheimbund feierlich beitreten.
Gelocktes Haar, braun wie Tannenzapfen, Pupillen, grün wie die Nadeln von Kiefern. Sidus überragte die meisten Männer deutlich. Verträumt stand der Hüne am offenen Fenster.
Astrumus war einiges kleiner, kräftig gebaut, breite Schultern. Eine schwarze Löwenmähne wucherte auf seinem rundlichen Kopf, flaumige Brauen über erdfarbenen Augen, bedächtige Stimme: »Ich nähere mich dem Ziel, den Kreislauf der Gestirne vollends zu begreifen.«
Sidus träumte von der afrikanischen Küchenmagd, mit der er heimlich verkehrte. »Wie gerne würde ich es im Sternenlicht treiben, doch sie fürchtet die Dunkelheit. Du solltest ihre Lust erleben. Sie duftet zart und kennt die schönsten Liebesspiele.«
Astrumus wackelte mit den Augenbrauen. »Du hörst mir ja gar nicht zu. Ich spreche von Himmelszeichen und du schwebst gedanklich bei den Kurven einer Magd.«
Sidus wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf ein Samtkissen.
»Natürlich habe ich dir zugehört. Hast du jemals über die Sternzeichen nachgedacht?«
Astrumus erschien die Deutung der Zeichen am Firmament das Höchste, um alles Sein zu begreifen. »Götterdämmerung. Die Tierkreiszeichen offenbaren einzig die Erschaffung von Göttern.«
Anicetus klopfte zweimal an und öffnete die Tür.
Sidus grüßte den Sternenmeister. »Darf ich Euch etwas fragen?«
»Was liegt dir auf dem Herzen?«
Sidus hielt inne. Nie hatte er jemandem davon erzählt, doch jetzt war der geeignete Zeitpunkt gekommen. »Vor einigen Jahren hat mir mein Urgroßvater von einer Ahnenlegende berichtet. Von einer Zeit, in der gigantische Rüsseltiere mit Stoßzähnen und dickem Fell die Prärien beherrschten. Das Nordland war mit Eis bedeckt. Wenige Jäger durchstreiften die Steppen, nur an den Küsten gab es Siedlungen. Dort trafen sich die kühnsten Seefahrer und erzählten von ihren Fahrten entlang der Eiswand. Sie sprachen von Tausenden Büffelherden und fruchtbaren Ebenen auf der anderen Seite des Ozeans. Die Seeleute nutzten die Gestirne zur Orientierung, später skizzierten sie Küstenlinien und Meeresströmungen in den Sternenhimmel. Sternbilder entstanden, die sie auf Tierhäuten festhielten.«
Anicetus warf Sidus einen prüfenden Blick zu. »Einleuchtend. Nur, was ist geschehen, als das Eis zu schmelzen begann?«
Sidus hatte oft darüber nachgedacht, denn auch das hatte ihm sein Urgroßvater erzählt. »Die Meeresspiegel stiegen an, dadurch versanken die alten Küstenstädte in den Fluten. Die Menschen zogen sich zurück ins Landesinnere und besiedelten Flussebenen, doch auch hier wurden sie von Flutkatastrophen heimgesucht. Das Wissen der Seefahrer ging verloren. Unsere Vorfahren mieden von nun an das Meer, ob seiner Kraft, die alle ihre prachtvollen Städte verschlungen hatte. Das stand in dem Buch, das die Christen verbrannt haben.«
Anicetus warf Sidus einen mitleidigen Blick zu. »Großartige Mythen fürs törichte Volk. Du wirst die Sternenlehre niemals beherrschen. Dein Urgroßvater stammt aus dem barbarischen Wald, dort, wo sie Thors Hammer fürchten. Wie oft habe ich dich gelehrt, was die Sterne sind und wie sie wandern: Alles dreht sich im Kreis. Sternzeichen sind die Erfindung von Schamanen, die mit ihrem Sternenwissen die Götter erschufen, indem sie Geheimlehren verfassten.«
»Aber sie könnten doch auch die Sternbilder von den alten Seefahrern übernommen haben.«
Anicetus schüttelte den Kopf. »Du beschämst mich.«
Sidus war der Tadel unwichtig. Anicetus hatte seinen Urgroßvater beleidigt, ohne ihm jemals begegnet zu sein. »Vadomar war gerecht, gütig und weise, kein Barbar! Es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«
Sidus ging verärgert durch den Säulengang ins Freie.
Anicetus zuckte mit den Schultern und legte Pergamentrollen auf dem Lesepult aus und zeigte sie Astrumus.
»Lerne das Wandern der Sterne am Firmament zu verstehen! Es ist möglich, den Kreislauf der Gestirne zu berechnen und vergangene oder zukünftige Sternkonstellationen genau zu bestimmen. Hierzu musst du die Mathematik und die Geometrie mit der Sternenlehre vereinen. Sobald du die Rätsel lüftest, bist du zum Sternenmeister gereift und wirst alle übrigen Geheimnisse des Alls durchschauen.«
Astrumus verbarg nur mühsam seinen Stolz. Er verehrte seinen Astronomielehrer, viel hatte er von ihm gelernt.
Anicetus prüfte das Gemüt des Knaben. »Vor einer Weile habe ich das Höhlengleichnis von Sokrates abgewandelt. Bitte studiere es mit Sidus! Es offenbart, wie die Menschheit getäuscht wird.«
Anicetus’ Katzenaugen verdunkelten, seine Falten auf der Stirn vertieften sich.
»Obwohl dein Vater ein Gelehrter des Lichts ist, bereitet er mir zunehmend Sorgen. Er gleitet merklich in eine heitere Zufriedenheit ab, ohne die Umschwünge im Machtgefüge der weltlichen Herrscher zu bemerken. Selbst hoher Geist erstarrt eines Tages im Altern. Stellasus schwebt nicht mehr über den Dingen. Er ist längst zu einem erleuchteten Weisen gereift und für Veränderungen unzugänglich.«
Sidus schmollte unter den verzweigten Ästen eines Kastanienbaums. Er verwünschte Anicetus, der es gewagt hatte, die Ahnenlegende seines Urgroßvaters als Barbarenfantasien zu bezeichnen.
Nach einer Weile beruhigte er sich. Anicetus traf keinerlei Schuld an dem Unrecht, das Vadomar angetan wurde. Ohne es zu wollen, quälten Sidus Erinnerungen an seine Kindheit, die er verdrängt hatte. Eine vernarbte Wunde platzte auf in seinem Herzen. Es fröstelte ihn, es war, als höre er das Hufklappern und die wiehernden Hengste. Sidus, damals ein siebenjähriger Knirps, war auf das Strohdach von Urgroßvaters Holzhütte geklettert. Er erinnerte sich …
Damals lag er flach auf dem Bauch und lugte über die Dachschräge. Ein Priester mit einem bronzenen Kreuz um den Hals und fünf Krieger stiegen von den Pferden.
Urgroßvater hinkte aus der Hütte. »Grüßt Gott, die Gesandten Roms?«
»Ihr müsst Vadomar der Heide sein. Geht zurück in den Schuppen. Wir haben Euch eine Botschaft zu verkündigen.«
Sidus schwitzte. Er durchlebte sein Kindheitserlebnis in einem Wachtraum …
Die Männer stießen Urgroßvater an. Leise hangelte Sidus sich vom Strohdach auf einen herausstehenden Balken unter dem Dachfirst herab. Er öffnete eine Holzklappe. Es quietschte. Sidus quetschte sich durch die Öffnung in den Dachspeicher, kroch auf dem Bauch und spickte durch einen Ritz im Holzboden.
Vadomar saß auf einem Schemel, daneben ein Schleifstein, an den Wänden lehnten Sensen, Sicheln und Messerklingen. Eine Truhe mit rostigen Eisenscharnieren stand in der Ecke, darauf ein Trinkhorn.
Die Krieger umkreisten Vadomar. Der Priester schritt an die Holztruhe und löste die Beschläge. Er hob den Deckel an und nahm ein dickes Buch heraus und schlug es auf.
Der Priester wandte sich erzürnt an Vadomar. »Runen, die Zeichen der barbarischen Heiden. Von was handelt dieses Teufelswerk?«
Vadomar kratzte sich an der Nase. »Warum schmückt Ihr Euch mit einem Folterkreuz?«
Der Priester ließ das Buch fallen und betrachtete verwirrt das Bronzekreuz auf seiner Brust. »Du wagst es, meinen Herrn zu beleidigen?«
Er stieß Vadomar von dem Schemel und stellte ihm seinen Fuß auf die Rippen.
Sidus war verzweifelt, wollte schreien, doch niemand war da, der helfen konnte. Sein Urgroßvater krümmte sich auf dem Boden und rang nach Luft.
Der Priester hielt ihm das Kreuz vors Gesicht. »Seid Ihr bereit, dem Heidentum zu entsagen und Euch taufen zu lassen?«
Jäh packte er Urgroßvater am Gewand und zerrte ihn auf seine zittrigen Beine.
Vadomar riss sich los und bückte sich und schnappte sein Buch. »Ehret die Mutter und die Väter. Ich habe schon gelebt, als selbst eure Großväter noch nicht geboren waren.«
Der Priester riss ihm das Buch aus den Händen. »Eure heidnische Gesinnung ist Gift für die Gemeinschaft. Dieses teuflische Werk soll brennen. Am Sonntag werdet Ihr getauft und auf Knien um Vergebung beten. Oder ich lasse Euch die Zunge herausreißen!«
Sidus wehrte sich gegen den Albtraum, der Vergangenes in ihm erweckte, wieder spürte er das Hufklappern im Magen …
Die Gottesreiter verschwanden im Wald. Sidus hangelte sich vom Dachboden und ging in die Hütte.
Urgroßvater kauerte auf dem Schemel. Er zitterte, seine Augen waren trüb und errötet, seine Falten tiefer als sonst.
Sidus umarmte ihn und wollte ihn trösten, doch er fand keine Worte.
»Wer waren diese bösen Männer? Haben sie dich verletzt?«
Vadomar starrte reglos in die Leere.
Sidus erwachte kurz. Er lehnte wie gelähmt an der Marmorsäule. Er hatte völlig verdrängt, was damals alles passiert war …
Urgroßvater kniete vor der Feuerstelle. Er schluchzte mit aufgerissenem Mund. Sidus streichelte ihm sanft die bleichen Wangen und küsste ihn auf die Stirn.
»Jetzt wird alles wieder gut, Uropa.«
Vadomar beruhigte sich, er nahm Sidus in seine Arme.
»Als ich in deinem Alter war, hatte mir mein Großvater das Buch überreicht. Es wurde geschrieben von einem unserer Urahnen. Er war ein Druide am Mammutberg, einem magischen Ort in der Vorzeit, von dem selbst die Legenden längst vergessen sind.«
Sidus lehnte seinen Kopf an Urgroßvaters Brust. Er spürte seinen Herzschlag. »Wieso haben die Männer mit dem Kreuz das Buch verbrannt?«
»Weißt du, kleiner Falke, sie möchten Germanien nach ihren Vorstellungen umgestalten. Ihr Gedankengut soll die Menschen vereinheitlichen. Das alte Wissen verachten sie, weil es nicht ihrem Bild von der Welt entspricht. Dieser Jesus mag ein gutherziger Prediger gewesen sein, aber seine Anhänger sind blutdürstige Nichtswisser.«
»Ich hasse diese Räuber. Was stand denn in dem Buch der Ahnen?«
»Darin waren Himmelszyklen festgehalten. Sterne dienen zur Orientierung auf hoher See. Laut dem Druiden, der es verfasst hatte, war es eine Abschrift von Steintafeln, die einst im Tempel des Mutterschoßes lagerten. Wollen die Christenführer uns etwa verbieten, den Himmel zu studieren?«
Sidus erinnerte sich. Jetzt würde sich Urgroßvater verändern, nie hatte er jemals wieder solch eine Verwandlung erlebt …
Vadomars eben noch blutleere Adern quollen auf, die Röte kehrte zurück in sein Gesicht, sein trüber Blick erhellte.
»Sidus, vergiss alles, was du eben gesehen hast. Diese Krieger handeln im Auftrag eines Glaubens, der ihnen die Überzeugung vermittelt, im Namen ihres Gottes das Richtige zu tun. Soldaten erfüllen ihre Befehle, ansonsten verletzen sie ihren Eid. Mach dir ihretwegen keine Gedanken, dazu bist du noch viel zu jung. Ich aber bin zu alt. Niemals werde ich die Wiege meiner Heimat verraten. Darum gehe ich nun an andere Ufer. Mit diesem aufgezwungenen Kreuzesglauben könnte ich nicht in Frieden ruhen.«
Schritte hallten durch den Säulengang. Sidus wachte kurz auf, fiel aber wieder in seinen Wachtraum …
Sidus’ Eltern waren inzwischen heimgekehrt. Vadomar verweigerte stur, sich nur zum Schein taufen zu lassen, wie es die benachbarten Fischer und Ackerbauern taten. Er verabschiedete sich noch am selben Abend von der Familie. Sidus folgte ihm. Am Ufer des Rheins half er Urgroßvater beim Bau eines Floßes.
Schatten umliegender Wälder spiegelten sich im Mondlicht auf dem Wasser.
Vadomar stand auf der Barke. »Ohne es zu lesen und den Inhalt zu prüfen, hat der Priester das Buch verbrannt. Niemals werden die mich dazu zwingen, das Vermächtnis meiner Urahnen zu verraten. Es ist an der Zeit, die letzte Reise anzutreten, ohne Wiederkehr. Einmal möchte ich das Meer sehen, den Wellen lauschen und ins Unendliche blicken. Angekommen am anderen Ufer erwarten mich die vorausgegangenen Väter.«
Sidus fesselte die Stimmung. Urgroßvater erschien ihm jung und kräftig, als hätte er alle körperlichen Gebrechen überwunden …
Sidus schauderte es. Wie unbedarft er gewesen war. Hatte er damals doch tatsächlich geglaubt, Vadomar würde es bis ans Nordmeer schaffen.
Jetzt wurde ihm klar, wie sehr die Reiter Vadomar damals gedemütigt hatten. Deshalb fühlte er sich trotz seines hohen Alters gezwungen, alles zu verlassen, was er je geliebt hatte.
In Gedanken vertieft öffnete Sidus seine Augen und richtete sich auf. Hierbei beobachtete er seinen Lehrmeister Stellasus, der unweit der Kapelle am Ende des Gartens wandelte, begleitet von zwei unbekannten Männern. Von ihnen unbemerkt folgte Sidus den aufgeregt diskutierenden Gelehrten.
Sidus spähte durch einen Spalt in der Eichenholztüre in die kleine Kirche hinein. Er staunte, denn er wurde Zeuge einer geheimnisumwobenen Handlung: Stellasus drückte auf einen Stein über dem Altar, ergriff die aus dem steinernen Sockel ragende bronzene Skulptur, drehte sie dreimal gen links und zog die Statue kräftig zurück.
Die massive Bodenplatte vibrierte. Quietschend löste ein Schließmechanismus die Falltür. Die Männer nahmen die Stufen in den Untergrund, soeben entschwanden ihre Schatten im Gegenlicht der Fackeln in die Dunkelheit.
Sidus missachtete Stellasus’ strenges Verbot, die Gartenkapelle zu betreten, und näherte sich unauffällig. Erregt stand er an der Öffnung im Steinboden und lugte die dunkle Treppe hinab. Etwas bange stieg er die düsteren Trittflächen hinunter. Er schreckte jäh auf. Die Steinplatte klappte ruckartig nach oben und verriegelte die geheime Tür. Sidus verlor das Gleichgewicht, stürzte seitlich, landete flach auf dem Rücken und schlug mit dem Hinterkopf auf dem steinernen Fußboden auf.
Finsternis umgab ihn. Er richtete sich auf von den feuchtkalten Bodenplatten. Er war benommen. Mühsam erhob er sich, folgte hinkend dem dunklen Gang, tastete sich an den rauen Mauern entlang und weiter abwärts über flache Stufen. Er erkannte nur spärliche Umrisse vor sich. Die Stimmen der Männer waren verstummt. Schritt für Tritt ging er auf einen Lichtstrahl am Ende des Tunnels zu.
Er stand vor einer nur ein wenig geöffneten Holztür, hinter der flackerndes Kerzenlicht schimmerte. Er hielt den Atem an und spähte durch den Türspalt. Überwältigt von der Fülle schweifte sein Blick durch eine Halle, vollgestellt mit Holzregalen. Darin unzählige Schriftrollen und Bücher. Süßer Kerzenduft drang aus der unterirdischen Bibliothek zu ihm. Die drei Gelehrten konnte er nicht entdecken. Im sicheren Gefühl, nicht beobachtet zu werden, schlich er sich in den Raum hinein. Nun aber sah er zwei unbekannte Männer an einem Rundtisch sitzen. Stellasus war offenbar verschwunden. Die beiden flüsterten miteinander. Sidus bekam nur wenig davon mit. Er kniete hinter einem Bücherregal und nahm von dort aus die Umgebung in Augenschein.
Die Bibliothek war in einer weiträumigen Halle untergebracht. Die Decke war von Säulen gestützt und im Abstand von etwa zwei Metern mit Halbrundbögen überspannt. Jeweils dazwischen eingepasst jene Holzregale voller prächtiger Bücher und Schriftrollen. In der Mitte der massive runde Holztisch, umstellt von robusten Stühlen und verziert mit geschnitzten Figuren. Am anderen Ende des Raumes ragten zwei Steinsäulen konisch in die Höhe, die, ähnlich Wachposten, einen benachbarten Saal zu bewachen schienen. Dieser mit Kerzen hell ausgeleuchtete Raum barg einen weiteren Bücherschatz.
Schritte hallten aus dem Tunnelgang. Sidus verkroch sich hinter dem Bücherregal. Zwei Männer gingen an den beiden Säulen vorbei und verschwanden dahinter. Diese Gunst nutzte Sidus, suchte sich ein besseres Versteck und fand es in Gestalt einer Wandvertiefung in der hintersten Ecke der Bibliothek.
Sidus nahm einen Kerzenleuchter von der Wand, steckte ihn in seinen Gürtel, ergriff eine Fackel und beleuchtete damit die Nische. Zum Vorschein kam ein niedriger Gang, nur gebückt begehbar. Am Ende des kurzen Stücks ragte ein enger Schacht düster aufwärts. Sidus kletterte, die Fackel in der Hand, empor. Feuchtes Moos bedeckte an vielen Stellen den Stein. Haltlos rutschte der aufsteigende Fuß ab. Das Bein stieg ins Leere, schlitterte ruckartig abwärts. Blitzschnell krallte Sidus die Fingerkuppen in die Mauerfugen, fing den Absturz im letzten Moment mit den Händen ab. Heftig prallte beim Abrutschen seine Kniescheibe auf die Kante eines vorragenden Ziegelsteins. Zuerst überkam ihn Übelkeit, darauf verdunkelten sich seine Sinne für Augenblicke. Jäh drang der Schmerz wie ein stumpfes Messer ins Knie, ritzte tief über die Beine, durchdrang den Magen, bis er im Gehirn zerbarst. Schon war der bronzene Kerzenhalter mit einem klirrenden Geräusch zu Boden gefallen. Sidus umklammerte seine Fackel mit der Rechten und kletterte weiter, wobei Steinchen die Schachtwand hinabwirbelten. Er krabbelte, am oberen Ende des Schachts angekommen, in einen flachen Seitenarm hinein.
»Was war das? Hast du das gehört?«, schallte es aus der Bibliothek.
»Gewiss nur Ratten.«
»Nein, sieh her, da liegt ein Kerzenständer. Was soll das? Komm heraus, elendiger Halunke. Du steckst in einer Sackgasse!«
Zwei Männer beleuchteten den Tunnel mit ihren Fackeln. Zischend riss einer von ihnen seinen Dolch aus dem Schaft am Ledergürtel.
»Arrian Flavius, kriech durch die Röhre und steig den Schacht hinauf, überprüf, ob sich jemand in der Nische versteckt hat!«
Der Mann begann, mit dem Dolch zwischen den Zähnen nach oben zu klettern.
Sidus kroch rückwärts, quetschte den Körper in den immer schmaler werdenden Gang. Auf dem Rücken robbte er bis ans Ende der Vertiefung. Da erblickte er über sich eine herausstehende Steinplatte, verziert mit zwei eisernen Beschlägen. Atemlos kauerte er in der Nische und betrachtete die rostigen Scharniere an der Decke. Er hörte den schweren Atem seines Verfolgers, der mühsam den Schacht hochkletterte. Verzweifelt zog Sidus an den Eisenringen. Ratten übertönten das Quietschen der eingerosteten Klapptür, wuselten in Scharen über ihn hinweg. Von unten hörte er die schimpfende Stimme eines Mannes.
»Elende Nager! Wir müssen die Schriften schützen. Komm herunter! Die Sitzung des Rates beginnt in Kürze, bereiten wir den Saal vor!«
Sidus atmete tief durch. Er hievte den Oberkörper in die Öffnung, stützte die Hände auf die Bodenplatte und zog die Beine nach oben. Vorsichtig schloss er den Einstieg und erweckte seine Fackel mit einem kräftigen Pusten wieder zum Leben. Sie erleuchtete eine quadratische Kammer. Staunend verweilte er unter einer steinernen Kuppel. Am Mauerwerk entlang wanden sich filigran verzierte Säulen, die in der Kuppelmitte zusammentrafen. Lebensgroß saß eine Baal-Statue in der einen, die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte in der gegenüberliegenden Ecke. Die Götterskulpturen blickten einander tief in die Augen. Magisch lächelte der sinnliche Mund der Göttin und versprühte betörende Sinneslust, die dem männlichen Widerpart das Feuer in den aufgerissenen Pupillen entfachte. Die Wände trugen geheimnisvolle Zeichen und kunstvoll gemeißelte Darstellungen. Ehrfurcht einflößende Wandbildnisse erzählten eine phönizische Legende in purpurroten Farben.
Fasziniert strich Sidus mit der Hand über das Mauerwerk. Meisterhaft ausgeführte Einzelheiten stellten die Reise eines Handelsschiffes auf dem Ozean dar: Bei der Umrundung des afrikanischen Kontinents, verirrt auf dem weiten Meer, erfasst ein Wirbelsturm das Schiff. Geführt von der Göttin Astarte stranden die Phönizier auf einer Insel. Dort erfahren sie eine mystische Erleuchtung. Sie erweitern ihr Wissen über die Orientierung an den Sternen. Die Göttin Astarte überreicht das Buch der Weisheit an die Seefahrer. Diese erhalten den göttlichen Auftrag, die erlangten Fähigkeiten mit ihrem Volk zu teilen. Daraufhin kehren sie mit den neu erworbenen Errungenschaften zurück. Die Kenntnis der Sternenlehre erleichtert ihnen die Orientierung auf hoher See. Aus den Konstellationen des Nachthimmels bestimmen fortan Sternengelehrte die Himmelsrichtungen. Die heimgekehrten Seeleute werden, neben der Göttin, als Väter der phönizischen Seefahrerkunst verehrt.
Sidus begutachtete nun neugierig einen Steinpult im Zentrum der Kammer, dessen obere Steinplatte über den runden Sockel hinausragte. Er rüttelte an der Platte, woraufhin sich die leicht bewegte. Sehr vorsichtig schob er die steinerne Scheibe vom Unterbau und kippte sie zur Seite. In der Aushöhlung darunter stand ein Tonkrug, versiegelt mit einem Korken. Sidus hob den Krug an und schüttelte das verstaubte Gefäß; etwas steckte in dessen Innerem. Mit etwas Druck drehte er den Pfropfen heraus. Ein seltsam strohiger Duft entwich dem Hohlraum. Schriftrollen kamen zum Vorschein. Er zog sie heraus und zählte insgesamt sieben davon. Vier unterschiedliche Sternenkarten lagen jetzt vor ihm. Dann öffnete er die nächsten Rollen, beschrieben in einer ihm unbekannten Schrift.
Das sind Papyrusrollen, war Sidus klar, während er sie abermals voller Ehrfurcht ausrollte. Zeichnungen. Was bedeuteten diese sonderbaren Zeichen? Sie schienen weder der römischen, griechischen, arabischen noch der phönizischen Sprache zu entstammen. Ägyptische Bilderschriften sehen anders aus, das wusste er. Überall zierten geometrisch geschwungene Linien den Papyrus, darin eingekeilt bildeten Sterne den Orion und die Tierkreiszeichen. Sternenformationen am nächtlichen Firmament. Astrumus würde staunen.
Sidus rollte die Papyri wieder ein, steckte sie zurück in den Tonkrug und richtete alles so her, wie er es vorgefunden hatte. Er schlich sich am Mauerwerk entlang, betastete jede Unebenheit und zog dann einen wackeligen Stein mit kraftvollem Ruck heraus. Im Hohlraum setzte er eine Steinstatue in Bewegung, die knarrend einen eingerosteten Mechanismus auslöste.
Die gegenüberliegende Wand begann zu beben, der Boden erzitterte. Ein Spalt öffnete sich – wie von Geisterhand geschoben. Dahinter lag ein dunkler Gang, aus dem ein modriger Geruch drang.
Sidus entzündete die letzte Fackel mit seinem Funkenschläger. Er schritt voran, das Gerüttel der Steintür hallte ihm nach. Steinchen und Mörtel rollten das Mauerwerk entlang. Ein Ziegelstein löste sich von der Decke und donnerte ihm vor die Füße. Sidus rannte los. Das Fackellicht flackerte, dann erlosch es. Hinter ihm stürzten weitere Brocken herab und verschütteten den Rückweg zur phönizischen Kammer. Er war verzweifelt. Er irrte durch die Finsternis. Das Beben verstärkte sich. Ein herabfallender Holzbalken traf ihn an der Stirn. Sidus ging zu Boden. Er rappelte sich mühsam wieder auf und krabbelte auf allen vieren weiter. Erschöpft am Ende des unterirdischen Ganges angelangt, drückte er seinen Körper an die Wand. Er kauerte sich zusammen, verschränkte die Arme über dem Kopf und schloss die Augen. Der Boden bebte. Es krachte. Der Tunnel fiel in sich zusammen. Totenstille.
Reglos lag Sidus in der Dunkelheit.
***
Stunden vergingen. Die Umrisse von Bauwerken schnitten, schwarzen Schatten gleich, in die Glut der Morgensonne. An den einst prachtvollen Palästen und Villen nagte der Zahn der Zeit. Efeu wand sich durch eingestürzte Dächer und um kunstvoll verzierte Säulen. Das Kolosseum mit seinen imposanten Steinbögen und Säulengängen überragte die Stadt, darin siechten Bettler und Kranke. Es roch nach Fäkalien.
Ochsen zogen Holzwagen, beladen mit allerlei Gütern. Auf den Märkten breiteten Händler ihre Waren aus.
Nicht nur die Gassen Roms erwachten. Sidus öffnete die Augen. Finsternis umgab ihn, der Herzschlag pochte im gesamten Körper. Gesteinsbrocken lagen auf seinem linken Bein und quetschten es ein. Unter Schmerzen – es tat ihm höllisch weh – befreite er den Fuß. Er schrie auf, als er dabei in die offene Wunde fasste.
Sidus riss einen Streifen aus seinem verstaubten Gewand und verband damit sein Fußgelenk. Er stützte sich auf einen abgestürzten Felsbrocken und tastete sich im Dunkeln voran. Fast senkrecht stieg er nach oben. Er griff ins Leere, verlor dabei den Halt und rutschte auf allen vieren das Geröll hinab. Er landete auf dem Rücken. Eine Kiesellawine folgte und bedeckte seine Brust. Er bekam Platzangst. Ohne Hoffnungsschimmer, den Tod vor Augen, sackte er mit dem Kopf nach hinten. Er lag im eigenen Blut und seufzte. Einsam würde er sterben, niemandem mehr könnte er von seiner Entdeckung berichten. Er schaute verzweifelt in die Finsternis. Da erhaschte er etwas Helles. Ein schmaler Lichtstrahl schimmerte von oben auf ihn herab. Sidus lag in einem halb verschütteten Brunnenschacht, dessen Öffnung die Steinlawine freigelegt hatte.
Neuer Lebenswille durchströmte seine Adern. Er richtete sich auf, fühlte sich wie ein vom Tod begnadigter Gladiator und vergaß die Schmerzen. Plötzlich schrak er auf – das Gebiss eines Totenschädels, der schräg neben seinen Gebeinen lag, grinste ihn an.
Sidus zitterte, eine Stimme hallte durch den Schacht. Er sah das Gesicht eines Mannes, der über den Schachtrand gebeugt, den Hohlraum mit einer Fackel beleuchtete. Erleichtert erkannte er einen Mönch, der Steinbrocken beiseiteräumte und ihm ein Tau durch die nun vergrößerte Öffnung zuwarf.
Mit letzter Kraft zog Sidus sich aus dem Loch und ließ sich auf den blanken Boden fallen. Er blickte sich um. Er befand sich am alten Brunnen im Garten des Klosters Sant’Agnese. Tief atmete er die frische Luft ein, erfreute sich am Licht der Sonne, erquickte sich am verloren geglaubten Duft des Lebens. Der Mönch schleppte ihn an ein Wasserbecken am Eingang der Kapelle und wusch Sidus’ mit Fleischwunden übersäten Körper. Sidus zitterte vor Qualen. Es brannte, sein Puls pochte im schmerzenden Knöchel und auf der Platzwunde an der Stirn.
Der Mönch streckte ihm die Hand entgegen. »Keine Sorge, das sind nur Schrammen, die verheilen bald wieder.«
Sidus ließ sich hochziehen und stützte sich am Kapellentor ab. Er wackelte. Er klopfte sich den Staub aus seinem zerrissenen Gewand und dankte seinem Retter, der lächelnd davonschritt.
Noch leicht benommen hinkte Sidus in die menschenleere Kapelle. Der erste Blick fiel auf ein Wandgemälde, das eine atemberaubend schöne Maria im freizügigen Kleid zeigte. Ein bezauberndes Engelslächeln, Sinnesfreuden vermischt mit jungfräulicher Unschuld. Die ungewöhnlich schlüpfrige Darstellung berührte Sidus’ Herz. Das musste sein Schutzengel sein. Er würde beizeiten eine Skulptur nach ihrem Vorbild fertigen. Daneben warteten ja weitere große Herausforderungen. Das Geheimnis der Sternenkarten und die rätselhafte fremde Schrift mussten ergründet werden. Hoffentlich war die unterirdische Kammer heil geblieben.
Sidus erfasste eine geheimnisvolle Kraft. Er dachte an Großmutter Naksatras Worte, die sie ihm so oft ans Herz gelegt hatte. Er schloss die Augen und lauschte im Geiste ihrer Stimme: »Im Leben öffnet sich dann und wann eine Pforte des Schicksals. Hinter mancher dieser Türen liegen verborgene Gefahren, andere aber führen ins Glück. Höre auf dein Innerstes, es wird dich leiten und schützen.«
Sidus verbrachte den Tag mit der dunkelhäutigen Magd, die mehr als seine Wunden leckte. Am Abend, zu Hause angekommen, empfing ihn seine Mutter. Sie tadelte ihn ob seines zerrissenen Gewands. Sidus entschuldigte sich, es tue ihm aufrichtig leid. Eilig verabschiedete er sich und humpelte los.
»Hiergeblieben!« Die Mutter trat zwischen Sidus und den Türrahmen. »Die wechselnden Düfte an dir, wenn du von deinen Abenteuern heimkehrst, verraten mir deine Triebe. Stürz mir ja kein unschuldiges Wesen ins Unglück und hinterlasse eine unverehelichte Mutter dem Schicksal, das deine Lust hervorrief! Ein Mutterherz liebt das in ihr Geborene, doch auch der Vater trägt die Verantwortung für die Verwendung seines Samens. Solltest du irgendein Mädchen schwängern, wirst du sie zur Frau nehmen und für sie und euer Kind sorgen.«
Sidus senkte den Kopf. »Ich passe ja auf und ziehe vor dem Erguss zurück.«
Asteri umfasste Sidus’ Nacken. »Dann hast du wohl noch nie mit Leidenschaft geliebt. Dein Vater könnte mich unmöglich vor dem magischen Moment verlassen.«
Sidus schenkte seiner Mutter ihren Triumph. »Ich warte ja auch sehnsüchtig auf die Perle, die mein Herz mit Liebe entfacht.«
Asteri schmollte mit den Lippen, ihre zarten Falten kamen zum Vorschein. »Mich beängstigt so ein Gefühl, dass du selbst dann deinen Trieben erliegst und damit deine Liebste bitter enttäuschen wirst.«
Sidus’ Gedanken an die mahnenden Mutterworte wichen rasch; zu sehr beschäftigte ihn der rätselhafte Fund in den Katakomben.
Er besuchte Astrumus inmitten der Nacht und weihte ihn ein in die gestrige Entdeckung. Zu seinem Erstaunen hatte Astrumus niemals zuvor von einem Geheimbund in seinem Hause etwas gehört.
»Vater hat mir verboten, die Gartenkapelle zu betreten. Gerade das macht den Ort reizvoll, aber ich habe nie etwas Aufregendes darin entdeckt. Ich könnte Vater nach der Bibliothek fragen, befürchte aber, wir sind ihm weder weise noch reif genug, um mehr über das Wirken des Ordens zu erfahren. Finden wir heraus, weshalb mein Vater uns das bisher verschwiegen hat! Zeig mir den Eingang zu den unterirdischen Gängen.«
Sidus führte ihn zu der Kapelle. Er demonstrierte den versteckten Mechanismus … und die getarnte Tür öffnete sich vor ihnen. Astrumus folgte dem Freund durch das Dunkel bis zur ersten Bibliothek. Er atmete tief den Duft der in Pergament gebundenen Bücher ein, fühlte das gewaltige, von Generationen gesammelte Wissen.
Rasch fanden sie heraus, welchen Prinzipien die Ordnung der Bibliotheken folgte. Die erste war den Naturwissenschaften, der Sternkunde und der Philosophie gewidmet. Texte von Griechen, Ägyptern und Römern füllten die Regale. Ein paar wenige Bücher stammten aus dem fernen Indien, andere aus dem chinesischen Kaiserreich. Die zweite Bibliothek beinhaltete religiöse Schriften, vornehmlich gnostischer Herkunft. Auf einem Wandregal standen die Tora, der Koran, die Bibel sowie hinduistische und buddhistische Schriftrollen. Sidus erkannte auch germanische Runenzeichen und phönizische und sumerische Tontafeln. Auf dem Boden lagen kleine quadratische Perserteppiche kreisförmig aus. In der Mitte befand sich ein Steinpult mit Kerzen und Räucherstäbchen. Die Mauern waren nicht verziert, sondern lediglich mit Kalk bestrichen.
Sidus zeigte Astrumus den Schacht, von dem er zu der versteckten Kammer gelangt war. Er hoffte, den Innenraum mit der Kuppel unbeschädigt vorzufinden. Er kletterte die Schachtwand hinauf. Die steinerne Platte mit den Eisenbeschlägen zog er herunter. Er stieg hoch und half dem Kameraden nach oben. Nun beleuchtete er den Raum mit einer Fackel.
Mit offenem Mund bewunderten sie die Szenen der Seefahrerlegende, die purpurrot die Wände schmückten.
Astrumus deutete auf die Götterstatuen: »Baal und Astarte. Die Göttin der Liebe ist atemberaubend schön, findest du nicht?«
»Schau auf das Pult hier«, sagte Sidus voller Stolz. »Der Inhalt übertrumpft selbst die verführerischen Formen einer Liebesgöttin.«
Er bewegte die Platte zur Seite und holte den Tonkrug hervor.
»Was ist das? Alter Wein?«, reagierte Astrumus belustigt.
»Zieh den Pfropfen heraus!« Sidus grinste ihn geheimnisvoll an. Gleich darauf starrten beide fasziniert auf einen der Papyri.
Astrumus kniete über der Karte. Die Sternbilder waren alle in einem Oval abgebildet. »Unglaublich. Diese Papyrusrollen sind womöglich noch älter als die Tontafeln der Sumerer, die bereits die Himmelszyklen mit beachtlicher Genauigkeit dargestellt haben.«
»Meinst du nicht, wir sollten deinem Vater davon berichten?«
Astrumus streichelte über den Tonkrug. »Besser, wir lösen das Rätsel allein und überraschen ihn mit dem Ergebnis. Die Gestirne zu verstehen, ist mein sehnlichster Wunsch im Leben, hierfür lohnt das mühevolle Studieren der hohen Mathematik.«
Sidus teilte seine Freude. »Ich weiß, wie sehr du die Sterne liebst.«
»Die Sternenkarten spiegeln auf den ersten Blick ein vollkommenes Abbild des Nachthimmels wider. Ich werde sie mit Anicetus’ Aufzeichnungen vergleichen, um das zu überprüfen.«
Astrumus und Sidus rollten die Papyrusrollen ein und kletterten den Schacht damit herab. Noch bevor sie die Nische zur Bibliothek erreichten, hörten sie Schritte. Astrumus stieg sofort in den Quergang zurück. Sidus klammerte zögernd an einer Eisensprosse in der Schachtwand und lauschte den entfernten Stimmen.
Ein Brüllen hallte durch die Katakomben. »Eindringlinge!«
Stellasus und einige Brüder eilten in die Bibliothek. Zwei Männer lagen röchelnd in einer Blutlache.
Arrian Flavius hatte ihnen gerade die Kehle aufgeschlitzt. »Das sind Späher des Philoset Dehads! Ich habe sie eine Weile belauscht. Der Philoset Dehad trachtet nach dem Geheimwissen von der Verkehrung der Sternenlehre, das nur noch wenige Wissende hüten.«
Stellasus sah bekümmert auf die Leichen. »Ich fürchte das Bündnis der geköpften Schlange mehr denn die Kirche. Wehe, Justinian erfährt davon, der rächt sich mehrfach. Auge um Auge, Zahn um Zahn langt dem Fürsten der Täuschung nicht!«
Arrian Flavius hielt seine Hände vors Gesicht. »Verzeiht meine Unachtsamkeit! Die Späher sind mir bis in die Kapelle gefolgt. Zum Glück hatte ich ihre Schatten bemerkt und konnte sie in die Falle locken.«
Stellasus dachte besorgt an Anicetus, der ja nach Konstantinopel gereist war und womöglich in Lebensgefahr schwebte. »Ohne einen Verräter aus unseren Reihen würde Justinian niemals von diesem Ort wissen. Es muss jemand unter uns weilen, der unser Versteck preisgegeben hat.«
***
Donner über Rom. Schaute Stellasus nach links, leuchteten die Sterne in der klaren Nacht. Drehte er den Kopf über die rechte Schulter, konnte er eindrucksvolle Blitze sehen, die ihr Feuer im Sekundentakt entluden. Er fühlte das Wirken einer gefährlichen, unbekannten Macht. Es lag nicht am Gewitter, das geräuschvoll hinter den Hügeln aufzog.
Der Sternengelehrte Anicetus war nicht zur verabredeten Zeit aus Konstantinopel zurückgekehrt. Er war seit Monaten spurlos verschwunden.
Artabasdos, ein Gesandter aus dem Oströmischen Reich, trat in den mit Kerzen erleuchteten Saal.
»Seid gegrüßt, edler Stellasus. Leider muss ich trüben Euer gütiges Herz.«
Tief versunken in Gedanken starrte Stellasus auf das Blitzgewitter am Sternenhimmel. »Keiner kannte die Himmelskörper und ihre Bahnen so gut wie Anicetus. Es ist wie ein Blick auf den Himmelsdom. Mein Freund ist aus dem Leben gegangen, wie die Dunkelheit die Sterne soeben verschluckt. Was bleibt, ist Finsternis.«
Ein Donnerschlag folgte einem das Firmament erhellenden Blitz, Regen setzte ein. Das letzte Gestirn verschwand in der Nacht.
Ende der Leseprobe